Helenenruh, am 5. August
Meine einzige Renate!
Warum ich so lange geschwiegen habe, höre ich Dich schon lange fragen; — ich war krank. Ja, sechs Tage hab ich gelegen und recht gelitten. Es kam grade an dem Tage, wo ich Dir schreiben wollte, daher das lange Schweigen. O bitte, erschrick nicht, es ist nun alles vorüber und still geworden. Aber Geduld mußt Du haben und lange zuhören, ich habe Dir soviel zu sagen — und auch zu fragen. Am liebsten wäre ich ja zu Dir gefahren, aber ich kann hier nicht fort, Du sollst gleich hören, weshalb.
Ja, nun ist es doch eingetroffen — nein, so kann ich nicht anfangen, also von vorn. Nein, eine Frage muß ich gleich erst noch an Dich richten: Kennst Du oder Deine Familie in Altenrepen die Familie eines Sanitätsrats Bogner? Ein Sohn von ihnen muß schon vor langer Zeit sein Vaterhaus verlassen haben, um Maler zu werden. Du mußt mich nicht auslachen, ich weiß, wie groß Altenrepen ist, aber es wäre doch möglich, daß Du sie kennst, und ich habe das Gefühl, als könnte es mich trösten, wenn Du — nein, nun will ich anfangen.
Einen Tag nach meiner Ankunft hier bekam der Herzog Besuch von einem Maler Benvenuto Bogner. Ach, Renate, der würde Dir gewiß gefallen, und Ihr würdet Freunde werden, wenn Ihr Euch kenntet. Ich bin ja solch ein unbedeutendes Wesen. Man meint, wenn man ihn reden hört, das, was er sagt, sei gewiß das Letzte, was man über eine Sache sagen kann. Ach, und dann hat er uns etwas aus seinem Leben erzählt — aber das kann ich nicht wiedergeben. Ich habe aber gleich solches Zutrauen zu ihm gewonnen, daß ich — ach Gott, wovon rede ich?
Eben habe ich ein Weilchen am Fenster gestanden und die Stare im Obstgarten beobachtet; sie machen einen furchtbaren Lärm. Gott, wer bald mit ihnen fliegen könnte, wie Däumelinchen auf der Schwalbe, weißt Du? nach Süden, nach Altenrepen. Ach, Du weißt ja noch gar nicht, daß ich geflogen bin, richtig geflogen, mit einem Flugapparat, den der Herzog erfunden hat. Es war ganz sicher, o ein Riesentier wars, und das ging!! Nein, ich kanns nicht beschreiben, wärst Du mit gewesen! Und denke Dir nur, unser schwarzer Schwan — ach Gott!
Nun merkst Du schon, daß ich Angst habe. Ich komme und komme nicht dazu, Dir das zu schreiben, was ich will. Wenn ich nur nicht wieder einen Weinkrampf bekomme. Ja, Rena, acht Tage habe ich immerlos geweint und geweint, ich bin ganz entstellt. Als Kind hab ichs schon mal gehabt — nein, nun mußt Du Dich ja schrecklich sorgen bei meinen fortwährenden Andeutungen.
Der Maler war mit einem Bekannten gekommen, der sich aber nicht sehn ließ; er hatte ihn auch eigentlich nicht mitbringen wollen, denn er war gemütskrank, wie wir später hörten, aber Du weißt ja, wie gastfreundlich unser Herzog ist. Nun waren Georg und ich nach dem Frühstück ans Meer geritten, und als wir zurückkehrten, ich weiß nicht, wie es kam, war ich weit vorauf, und ob ich schon unruhig wurde, oder — jedenfalls fing ich auf einmal an zu galoppieren, durch das Wäldchen nach dem Weiher (vielleicht erinnerst Du Dich nach meinen Beschreibungen), und dadrin schwamm ein Mensch. Nun ging alles so furchtbar schnell, daß ichs kaum noch weiß, Rottraut flog ganz von selber in den See hinein, und ich kriegte einen Ärmel zu fassen und schrie, und dann kam auch Georg, und so brachten wir ihn ans Land. Er lebte und ist leben geblieben, und der Maler, der dazu kam, erkannte seinen Bekannten. Er heißt sonderbar, nämlich: Jason al Manach, und er ist auch aus Altenrepen.
Renate, weißt Du, was das bedeutet? Denkst Du noch an die Zigeunerin in Ayres-au-Mont? An die Prophezeiung? O lächle nicht, es tut mir so weh, wenn Du lächelst, Du weißt ja nicht, was noch alles kam.
Verzeih, siehst Du, da sind die Tränen wieder, sie laufen so von selbst, aber ich muß jetzt weiterschreiben, ich habe ja niemanden auf der Welt als Dich.