Renate
Am 2. Aug.
Liebste und — trotz Josefs immer noch Einzige!
Nun muß ich Dir vom Schönsten schreiben. Zuvor aber muß ich versuchen, Dir die Wohnung und alles Drumherum zu schildern. Male mir ebenso Helenenruh, ich erwarte es gewiß; Deine Erzählungen — ich merke jetzt erst, welche unbestimmte Vorstellungen sie ergeben haben, wo ich Dich in der Ferne suche und nichts sehe als Meer und Wiesen, und nicht weiß, ob, was ich in der Ferne gewahre, eine weiße Kuh ist oder dein weißes Kleid, und warum nicht weiße Kuh? Sie haben den Vorzug der Seltenheit, und ich kann mir kaum Schöneres vorstellen als Io, die jungfräuliche Geliebte des Zeus.
Meine Zimmer kennst Du, — das heißt, das Schlafzimmer ist weiß, sieht wenigstens so aus, da die weiße Decke fast ein Drittel Wandhöhe herabgezogen ist; die Bespannung ist hellgrauer Seidenstoff mit einzelnen, silbernen, dünn- und langstieligen Mohnblumen, die Schränke grauer Ahorn mit Perlmutter, Spiegel weiß und das Bett — Himmel, das Bett ist ja kein Bett, sondern eine flache und in die Länge gezogene Muschel mit welligem Rand, von dunkelbraunem Mahagoni und ruhend auf goldnen Delphinen; das sieht nach Empire aus, aber da man dergleichen früher denn doch nicht machte, verdächtige ich Josef ... Von hoch oben darüber fällt im Dreieck ein Sturz von wasserblauem und weißem Flor, — nie sahst Du so Kühles! — Dazu gehört noch ein Badezimmer mit Fliesenwanne im Boden, in die Stufen hinabführen — o Allermädchentraum! — Das ganze Haus wurde in den achtziger Jahren gebaut und eingerichtet, und da das Kunstgewerbe damals auf gichtischen Beinen stand, war Onkel Augustin fein genug, um ein entzückendes Durcheinander von Empire, Biedermeier und ein wenig Régence herzustellen, das sich nicht näher beschreiben läßt. In der Mitte ist eine große Halle mit Kamin, im Sommer düster, da die große Veranda davor — mit breiter Treppe zum Garten — rundum von wildem Weinlaub zugewachsen und auch davon bedacht ist. Vor der Veranda ist ein schöner, großer Rasenplatz mit einer sandsteinernen Sonnenuhr nicht weit von der Treppe, rundum dichte Gebüsche und allerlei Bäume, lustig anzusehn. Ein Zaun trennt unsern Garten von dem hintern Teil eines großen Bier- und Kaffeegartens, der nach einem alten Festungsturm, der noch zu sehn, der Döhrenerturm heißt und links sich ins Freie senkt in Gestalt einer Wiese, die auf unsrer Seite von einem Wässerlein, gegenüber von einem schönen alten Friedhof mit seiner türmchengekrönten Mauer begrenzt ist. Zwischen beiden, nämlich Bach und Kirchhofsmauer, ist ein Zaun ausgespannt, und von da aus strecken sich weite, weite Wiesen, die „Maschwiesen“ heißen, und ganz hinten sieht man Eisenbahnbrücken und noch ferner die Türme und die Fabrikschornsteine und den Rauch von Altenrepen.
Und nun höre das Einzige! Am Nachmittag nach meiner Ankunft führten Onkel und Vetter Josef mich im Garten herum, und auf einmal standen wir vor einem altertümlichen Gebäude, einer Kapelle mit drei hohen gotischen Fenstern. Da zog der Onkel einen zierlichen Schlüssel aus der Tasche, übergab ihn mir mit Feierlichkeit und dem Bemerken, dies sei mein Allerheiligstes, das er für mich erbaut habe. Gott, flogen mir die Hände, ich glaubte schon zu ahnen, ich schloß auf, so gut ich konnte, und richtig! Es war eine Orgel!
Kind! Liebstes! Magda! Mädel! Eine Orgel! Denke nur, eine richtige, große, herrliche Orgel, und ein wundervolles Instrument. Ach, es ist doch zu wunderschön, wenn man eine Art Nabob ist!
Und ist es nicht rührend von meinem Onkel? Nun siehst Du, wie schlecht ich gewesen bin, wieviel ich ihm abzubitten habe, denn Du erinnerst Dich gewiß, wie böse ich war damals, als er mich gleich nach Papas Tode in eine Pension steckte, weil ich mir schon viel zu alt und erwachsen und gelehrt vorkam und auch gedacht hatte, nicht grade unter ganz fremde Menschen mit meinem Schmerz gehn zu müssen. Daß Onkel seine Gründe haben müsse, daß er viel zu viel zu tun hat, um sich um meine Ausbildung kümmern zu können, daß es besser für mich war, den Schmerz zurückzudrängen und im Innern rein und schön zu erhalten, daran dachte meine damals siebzehneinhalbjährige Erwachsenheit natürlich nicht. Er aber, der doch in den paar Tagen beim Begräbnis eigentlich nichts an mir entdecken konnte als ein verweintes, unbedarftes Pastorentöchterlein, hat sich mein bißchen Orgelspiel auf meiner lieben alten, heisern Dorforgel so zu Herzen genommen, daß er, anstatt sich ein Landgut oder ein Automobil zu kaufen, ein geradezu unchristliches Geld für eine Orgel zum Fenster hinauswirft.
Also mein Entzücken! Natürlich war ich den ganzen Tag nicht aus der Kapelle zu bringen, nachdem ich unter reichlichen Tränen mit Papas Lieblingslied „Mein gläubiges Herze, frohlocke, sing, scherze“ begonnen hatte. Außerdem besitzt Josef unter seinen vielen Talenten auch das, ein musikalisches Genie zu sein, das heißt, er spielt Klavier, Geige und Cello gleichmäßig, wenn auch nicht gleichmäßig gut. Herrlich ist nur sein Vortrag, aber die Läufe kommen meist gewischt oder so andeutungsvoll, bloß Triller kann er schlagen wie eine Lerche. Immerhin brachte er die große Cellosonate, die ich gleich aufs Tapet legte, mit Anstand zu Ende.