Und manchmal, wenn sie lange mit dem Wind

Geflüstert, großen Auges nachgelenkt

Den Wolkenfahnen, die er droben schwenkt,

Blüht ein Gefühl, als trüge sie ein Kind:

Ein süß Gereiftes regt sich leis mit Lallen,

Hirten und Himmlischen ein Wohlgefallen.

Renate an Magda

am 21. September

Meine liebe Magda!

Gestern ist nun auch mein Vetter Erasmus gekommen. Er ist Privatdozent für physikalische Chemie — der Himmel mag wissen, was das ist! — in Marburg und ist so fleißig, daß er die ganzen Ferien bis jetzt gearbeitet hat. Das ist gewiß ein guter, tüchtiger Mensch, aber es ist schade für ihn, wenn er sich mit seinem Bruder zusammen zeigt. Den habe ich Dir ja ungefähr beschrieben, — er ist sieben oder acht Jahre jünger, Erasmus bald Mitte Dreißig. Von ihm hatte ich von Papas Begräbnis her nur eine sehr dunkle Ahnung, wie an eine Art Fabelriesen, und er ist unendlich lang, mager, aber schwer gebaut; seine Stirn ist kolossal, besonders weil das Haar weit auf den Kopf zurückgewichen ist, die Augen sind sehr groß, von unbestimmt heller Farbe und überquellend; er ist bartlos und sieht für gewöhnlich finster aus; unbeholfen ist er nicht, obgleich zu jeder Eleganz, auch in der Kleidung, ungeeignet; sein Auftreten ist vielmehr von einer Art Kühnheit, er hat etwas von diesen ritterlichen Bergschotten, weißt Du, wie Allan M’Aulay in Scotts Sage von Montrose, an den er mich lebhaft erinnert. Bei unsrer Begrüßung küßte er mich einfach auf die Stirn; sein Mund war kühl, aber es brannte doch unangenehm, dieweil ich, wie Du weißt, die Angewohnheit habe, mich nicht von fremden Männern anrühren zu lassen. Mit seinem Bruder spricht er nicht, ist überhaupt verschlossen und schweigsam, als ob ihm irgendetwas am Herzen säße und es zuhielte, und wenn er einmal etwas sagt, so ist der Gegenstand damit für ihn abgetan, was nicht grade zur Gemütlichkeit beiträgt. Sein Vater giebt sich Mühe, ihm zu zeigen, daß er ihn achtet und hochhält, wie man eben einen Menschen ehrt, der nichts tut als seine Pflicht und sich ruhig verhält. Josef hat natürlich seines Vaters ganze Liebe, denn in ihm kann er sich verjüngt sehn und verschönt obenein. Und nun will ich Dir gleich etwas erzählen, das ich gradezu ein Abenteuer nennen möchte, und wenigstens wars ein abenteuerlicher Vorgang. Da wirst Du sehn, zwischen was für Menschen ich lebe.