Übrigens genießt Josef, der alles zu wissen scheint, das Vorrecht, auch alles sagen zu dürfen, denn er sagt es geschickt. Man nimmts nicht ernst, nimmt die hübsche Form zu sich und freut sich, aber dem zweckmäßigen Erasmus scheint so etwas nichtsnutzig. (Er würde mir leid tun, wenn ich nicht ganz gut wüßte, daß man auf die Dauer — also etwa angenommen, man wäre genötigt, einen von beiden zum Ehegemahl zu erwählen — auf die Dauer eher mit Erasmus leben könnte als mit seinem Bruder.)
Es war also am Abend nach der Ankunft des Erasmus; er hatte mich gebeten, Orgel zu spielen, wir waren alle vier in der Kapelle, und nachdem ich ein schönes Ungewitter aller tönenden Stimmen hatte über sie hinsausen lassen, fiel Josef mit dem Cello ein und zwang mich mit Zauberei, ihn zu den wilden Phantasien oder Harlekinaden zu begleiten, die er aus seinem ächzenden Instrument hervorholte, übrigens unter einem erbärmlichen Gesichterschneiden, als obs er selber wäre, den die Teufel quälten — jene, die nachher in die Säuherde hinunterpfiffen, weißt Du —, und Onkel entfloh alsbald. Als ich gleichfalls genug hatte, war auch Erasmus nicht mehr zu sehn, Josef seufzte auf, als ob er aus Ohnmacht und grausigen Gesichtern zu sich käme, sah sich dann hinter sich um wie der Intrigant in der Tragödie und bemerkte trübe: Armer hölzerner Erasmus! — Warum hölzern? sage ich unwirsch. — Deswegen, sagt er, weil er so gemacht ist. Hast dus nicht gesehn? Man kanns doch deutlich sehn, wie er gemacht worden ist, wiederholt er hartnäckig. Aus einem kräftigen Pfahl Eibenholz, nicht trocknem, sondern vielmehr ganz frischem, ist er herausgeschnitten, Leib, Arme, Kopf, Nase und alles samt den gläsernen Augen. Ja, wie muß das wohl geblutet haben! sagt er ganz vertieft. Und das Schlimmste, fährt er nachdenklich fort, das Schlimmste ist, daß es noch immer blutet, wenn er sich einmal richtig bewegen will wie wir Andern, denn — — Allein hier gebot ich ihm Schweigen und pustete zum Zeichen der Verabschiedung das eine meiner beiden Lichter aus. Da beugt er sich plötzlich in seinem Stuhl zu mir vor, äugt mich satanisch von unten an — alles Schauspielerei natürlich! — und flüstert wie eine Warnung vor den Iden: „Laß brennen, liebe Seele, laß ja brennen! Du wirst es noch brauchen.“ — Das klang so unsinnig geheimnisvoll, daß ich ganz kindisch sagte: Nun grade! das andre Licht ausblies und die Stufen vom Podium hinunter gegen das Zwielicht der Tür lief. Er blieb mir aber wie ein Teufel an der Schleppe hängen, und als wir draußen im Garten standen, hielt er mich am Arm fest und sagte: „Sieh mich doch einmal an, Renate!“ „Ja,“ sagte ich, „ich weiß schon, du bist ein Adonis.“ „Genau das wollte ich hören“, versetzte er. „Sehe ich nicht aus wie ein Gott gegen meinen Bruder? Ha!“ sagte er, wie die Menschen bei E. T. A. Hoffmann, während ich ihn entgeistert anstarrte, „ha! dazu sind die Götter von diesen Sklavenseelen erfunden, daß sie sie mit allen Eigenschaften behängen, die ihnen fehlen, mit Leichtigkeit, mit Heiterkeit, mit Atmosphäre, — mit reinem Gelächter, mit Spott und nichtsnutzigen Spielen. Es giebt aber Kaine darunter, die bringen Götter um. Du mußt nicht alles so wörtlich nehmen, Kleine“, sagte er auf einmal ganz ruhig, und ich fiel ein: „Nein, Gott soll mich bewahren, daß ich dich jemals wörtlich nehme!“ „So meine ich es auch wieder nicht“, erklärte er unerschütterlich und überreichte mir eine große, schwarzrote Georgine, die ich nun verwundert in der Hand hielt, und deshalb mußte ich fragen, ohne es zu wollen: „Wie meinst du es denn?“ „Lassen wirs, Herze,“ sagte er nun, „aber eins will ich dir sagen. Ich weiß nicht, wo ich meinen Ursprung habe, hier aber ist er nicht, nicht bei diesen Menschen und nicht in diesem Lande. Ich pflege das für mich zu behalten, aber du dauerst mich, weil du —“ Nun, die folgenden Schmeichelhaftigkeiten schenke ich mir, sie waren aber hübsch anzuhören, das kann ich Dir sagen, denn er hat eine unwiderstehliche Art, ehrlich zu scheinen. „Ich daure dich?“ frage ich nur wie benommen, und er versetzt: „Es ist in diesem Hause (ich wiederhole seinen Satzbau) etwas Unterirdisches im Gange, das ich ahne vermöge meines eben angedeuteten Ursprungs, und ich möchte nicht, daß es dich ungewarnt träfe. Nein,“ sagte er eilig — ich möchte wohl wissen, wie ich ihn angesehn haben muß — „ich weiß nichts Bestimmtes, ich empfinde nur, ich habe eine Wünschelrute, die schlägt aus, sowie ich einen Menschen berühre, und dann ahne ich freilich nur Unangenehmes, das haben die Propheten bekanntlich so an sich. Du aber kannst dich beruhigen, denn es steht geschrieben, daß du mich niemals heiraten wirst. Komm ins Haus,“ schloß er befehlerisch, „es ist Nacht.“ Ich sah, daß es finster geworden war, und mußte, während ich auf dem schmalen Wege vor ihm herging, beständig denken, wie hell und weiß ich mit meinem weißen Kleide in dieser Dunkelheit schien, dazu die schwarze Blume, die ich vor mir her trug wie — ich weiß nicht was, und überdies, daß er das so eingerichtet habe, hinter mir zu gehn und die Wirkung des Ganzen zu beobachten. Auf einmal schauderte michs, ich warf die Blume fort und lief wie gejagt ins Haus.
Ist das nicht ein horribles Abenteuer? Du siehst, wie kühl und humorvoll ich jetzt daran denke, sonst hätte ich es Dir ja nicht geschrieben, und es ist auch kaum ein Hauch Wirklichkeit davon in mir zurückgeblieben, außer daß ich ab und an die Menschen betrachten muß, besonders Erasmus, aber auch Andre, und mich dann schämen, als sähe ich verbotenerweise in ein Fenster. Und sind das nicht höchst unwahrscheinliche, oder wie Hoffmann sagen würde, skurrile Sachen von Deiner sonst so vernünftigen
Renate?
Magda an Renate
30. September
Nun fallen die Blätter. Es wird hier so früh und eilig Herbst. Der Schwan schwimmt nun längst wieder umher; wie eine schwarze Trauergondel sieht er aus mit seiner schwarzen Flügelschleppe unter den bunten Bäumen. Ich bin unruhig und verstört, ich kann die Gedanken nicht mehr halten und binden, es ist so windig in mir, oft fühle ich es, wie der Wind mich durchstreicht, als wäre ich durchlässig, und die Blätter, die auf den Wegen an mir vorüber und weit auf die Wiesen fliegen, taumeln so dahin, als wären sie von mir abgefallen.
Oft stehe ich am Fenster und höre das Meer und das Brüllen der Kühe, wenn der Wind es herübertreibt — das klingt so bang und öde! — und sehe den vielen Wolken so lange nach, bis mich schwindelt. Ach, Gott ist so hoch, Renate, ich kann ihn nicht mehr erreichen, jetzt, wo ich gefallen bin und nicht mehr fliegen kann. Ich kann nicht beten: dein Wille geschehe! Ich habe nicht in den Garten zurückgefunden, wie ich dachte, es ist ja auf einmal Herbst geworden. Der Garten ist ein Fremder, der an mich nicht denkt; er läßt gleichgültig seine Blätter fallen, vielleicht ein wenig nachdenklich, aber wenn sie am Boden liegen, hat er sie schon vergessen und sieht den andern nach und vergißt sie.
Bogner hat nun ganz mit seinem Bilde zu tun, spricht nicht mehr, er sieht uns überhaupt nicht mehr; malen tut er nicht viel, er sitzt und raucht, das Essen muß man ihm beinah einfüttern, er läuft viel allein umher. Papa fing einmal von Georg an; er ist doch in München, das Wintersemester fängt ja nun bald an, ich kann mir also denken, daß er viel Zerstreuungen hat. Die Herzogin ist seit acht Tagen fort. Der al Manach sitzt meist auf seinem Zimmer, ich weiß nicht, was er dort macht; sonst ist er mit Bogner zusammen, sitzt bei ihm, läuft neben ihm her. Er hat gar keinen Blick in den Augen, man könnte sich fürchten, aber man gewöhnt sich ja an alles. Papa schimpft allerdings, daß der Herzog ihn uns aufgehalst habe, und er fiele ihm entsetzlich auf die Nerven, obgleich er ihn kaum einmal am Tage zu sehn bekommt. In den nächsten Tagen will Papa wie immer nach Beendigung der Ernten nach Gastein; ich habe ihn gebeten, hierbleiben zu dürfen, er widersprach kaum und wird wohl froh sein, mal allein sein zu können. Bald wird alles kahl, dann kommt der Winter, und meinen Garten finde ich niemals mehr.
Wenn ich auch manchmal denke, ich weiß es wieder, was ich vor kurzem so hell, so blitzend gesehn habe, so hat das doch nun keinen Wert mehr, denn es sieht nun belanglos und so kümmerlich aus, daß ich nicht begreife, wie ich jemals hab drüber staunen können.