Sieh, das ists: Warum habe ich nicht damals schon, als ich die Prophezeiung bekam, glauben und sie verstehen können? Andern als Retter dienen — was bedeutet denn das andres, als daß ich mich nach solchen umsehn sollte! Wäre nicht die schönste, die einzige Erfüllung die gewesen, die ich selber herbeigeführt hätte? Hätte ich nicht hingehen sollen, wo Kranke und Trostbedürftige, wo die am Leben Verzweifelnden sich quälen, um sie zu heilen, zu erquicken, zurückzuführen? Andre retten, hieß es, ich aber dachte nur an mich. O mein Himmel, ja, das heißt zu Gott gehn, das heißt, Gott an sein Herz nehmen, wie im Evangelium: Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht ... Der Gott da oben ist weit weg über den eiligen Wolken, der aber hier unten, der ist, wo das leidende Leben wohnt. Ich selber leide, wir alle leiden, Gott ist im Leiden, und Gott ist in der Tröstung, o wie schlecht, wie gedankenlos, wie gewissenlos bin ich gewesen, denn ich bin vorübergegangen, wie soll er nun jemals in mein Herz einkehren? Ach, es ist zu spät, viel zu spät geworden!
Nicht, daß ich dächte, der Mensch, dem ich schon zweimal geholfen habe, al Manach ist hier geblieben, und wir müssen Beide auf das dritte Mal warten! O nein, ich denke vielmehr: Was soll denn das nun eigentlich, wozu denn diese Anstrengung? Er lebt ja gar nicht, nur im Dasein habe ich ihn festgehalten. Renate, Renate, wenn ich das könnte! Wenn ich ihn auch dem Leben wiederschenken, wenn ich ihn ganz heilen könnte, wie gern würde ich dafür mein Leben hingeben. Ich bin so schrecklich müde.
nachts
Damals hätte ich die Wahrheit hören sollen, aber ich habe sie verlacht. Ach, meinst Du, Schwester, daß Gott mir verzeihen wird, weil ich ja noch jung war und nichts gelernt hatte? War ich wirklich noch ein Kind? Wie lange muß das her sein! War ich ein Kind? Durfte ich ungehorsam sein? Ja, sag mir, o bitte, sag mir, dürfen Kinder ungehorsam sein?
Auch Du schreibst so anders. Ich habe mehrmals gelesen, was Du ein Abenteuer nennst. Es klingt mir nicht gut, wie Du schreibst, ich kann nicht sagen wie, aber ich ängstige mich um Dich.
Bogner zeigte mir eine Menge Studienköpfe von der Herzogin. Das ist wieder so seltsam. Jeder scheint ein ganz andrer Kopf, manchmal ist die Ähnlichkeit kaum erkennbar, und gleich darauf scheint sie grade dort am geheimnisvollsten hervorzudämmern. Kannst Du das verstehn? O Renate, wer sind wir? Wer sind wir, daß ein Andrer tausend Bilder von uns machen könnte! Lach nicht, ich mußte eben dran denken, wie mir vor einiger Zeit die kinematographischen Bilder erklärt wurden, wo eine einzige Bewegung aus einer Kette von Bildchen besteht, und so denke ich, sind wir Menschen auch, und wenn man sich eine Vorstellung von einem machen wollte, so würde es eine unendliche Reihe von Bildern sein, die sich beständig auseinander- und wieder zusammenziehn, mich schwindelt, wenn ichs ausdenke. Bogner hat auch die Hände der Herzogin gemalt, so daß man darüber weinen möchte; sie sehen aus wie gefrorene Blumen, man möchte sie auftauen mit Tränen und Küssen.
Nun muß ich Dir noch schreiben, daß die Obsternte in diesem Jahr nicht besonders ausgefallen ist. Papa wird Euch einen Korb Schöner von Bosko und Parmänen schicken, vielleicht auch ein paar Gravensteiner, aber sie sind gar nicht schön. Reinetten giebts kaum, und die Kaiserbirnen kann man am Baum zählen. Kochäpfel sollt Ihr auch haben, Papa rät Euch aber, die andern nicht mit ihnen zu verwechseln, sie würden wohl alle gleichmäßig nach gar nichts schmecken. Wenn Ihr trotzdem mehr haben wollt, so schreibe mirs bitte, aber Ihr bekommt vielleicht anderswo bessere. Vor ein paar Tagen war ein heftiger Sturm, der Obstgarten sieht traurig aus, es soll übrigens einen stürmischen Herbst und Winter ohne Schnee geben. Die letzten Rosen sind zerstört, so daß ich Dein Geschenk leider nicht erwidern kann, nach Astern fragst Du wohl nicht viel. Von wem ist das:
Wenn die Rosen deiner Wangen,
Liebste, lieblich blühn,
Denk ich, wie mein Lenz vergangen,