Gleich, gleich, gleich muß ich Dir schreiben, mit Dir sprechen, Dich an mein Herz drücken, o Du Liebe, Du Arme, Du Törichte, Du Verstörte! Ich habe ja immer gewußt, daß das kommen mußte, ich habe so darum gebetet, ein wenig anders hatte ich es mir wohl gedacht, aber warte nur, es geht vorüber, dies geht vorüber, und alles wird gut werden. Ja, Kind, es ist gekommen, und Du hast es nicht erkannt, wäre ich nur bei Dir, könnte ich Dir Dein Gärtlein zeigen, wie ich es sehe, Gott schenke Dir nur einen einzigen schönen, feierlichen Herbsttag, mit flatterndem Gold in reinblauer Luft, mit leuchtenden, starken Farben, mit mildtätiger Sonne, daß Du den rechten Herbst erkennst. Du törichtes Kind! fragst, ob Du hast Kind sein dürfen, Du, die so früh herausgerissen wurde. Jetzt aber frage Dich einmal, ehrlich und tapfer, denn ich will Dich tapfer haben, mein Kind, und an Deine Müdigkeit glaube ich nicht, — frage Dich: Besitzest Du Dein Leben noch, das frühere, das kindische, leichte, gottgläubige? Du sagst, Du habest den Weg in Deinen Garten verloren, und gestehst zugleich, daß nur der Garten verwandelt sei. Das Leben ist Dir freilich nicht verloren, aber das, welches Dir das einzige schien, hat sich in ein andres verwandelt, in ein besseres, das sollst Du mir wohl glauben! Achtzehn und ein halbes Jahr bist Du alt, der Frühling, den die Leute an Dir sehn und Du selber, wenn Du in den Spiegel schaust, ist noch lang nicht vorüber, fühle aber im Herzen Früchtezeit und bitte nur Gott, sie kräftig zu gesegnen, und der Himmel verzeih mir, wenn ich jetzt an spärliche Reinettenernte denke.
Liebste! Nur um Dirs zu sagen, schreibe ich all das auf. Ich bin nicht täppisch genug, um Dich schnurstracks überzeugen zu wollen. Ich bitte Dich nur, es anzuhören, Dich darum zu bemühn, und ohne daß Du es merkst, wird es eingezogen und Beherzigung geworden sein.
Magda! Ich würde so nicht mit Dir reden, wenn ich nur im entferntesten glaubte, Deine Verstörtheit könnte anhalten, sich gar in Schwermut verwandeln; dazu glaube ich Dich zu gut zu kennen, und wie ich Dich kenne, bist Du gesund im Kern. Darum glaube ich felsenfest, dies ist eine von den Krankheiten, die zur Reinigung nötig sind. Das ist mein letztes Wort. Man muß nicht alles wissen wollen. Denn was heißt: alles? Nichts, heißt es, nur sagt man immer zu dem, was man grad haben will, „alles“ und möchte an der ganzen Welt verzweifeln, von der man nicht das geringste weiß außer der Winzigkeit, an die man sich grad klammert. Das Notwendige ist nicht das, was man in dem und jenen Augenblick dafür hält, und ich sage Dir (Du weißt, auch ich habe schon mein, wenn auch bescheidenes Päcklein zu tragen bekommen) —: solange der Mensch nur imstand ist, über sich nachzudenken, solang er nicht über sich hinweg denken kann, solang ist er bloß ein grüner Frosch, der bei schlecht Wetter unten auf der Leiter hockt und wartet, bis er das Gutwetter in sich steigen fühlt. Sela.
Gestern ließ ich den Brief liegen, um ihn mir heut noch einmal anzusehn. Ich merke nun freilich, daß ich alles bedeutend besser hätte ausdrücken können, aber lassen wirs schon so. Aus einem andern Grunde ist mirs lieb, den Brief heute noch dazuhaben; ich kann nun etwas von Irene hinzufügen, das so seltsam und schön ist, daß es, denk ich, auch Dir wohltun wird, es zu hören.
Gestern abend noch spät kam sie zu mir; sonderbar feierlich waren ihre Augen; ihr Wesen ließe sich musikalisch etwa darstellen: Portamento im Viervierteltakt. Sie zog mich hinüber in die Kapelle, blieb in der Mitte stehn, sah sich andächtig um und sagte: Ja, hier war es. Hier erschien sie. Dort, wo die Orgel steht, — die aber war nicht da, sondern ein goldenes, dunkles Wasser, in dem es sich bewegte wie von kleinen Gesichtern. Ich spreche von der Mutter Maria, sagte sie einfach (immer sagt sie Mutter, nicht anders). Letzte Nacht erschien sie mir im Traum, Lilien im Haar, aber sie war Ihnen ganz ähnlich. Und ich kniete hier an einem Betpult. Nun zog sie einen Vorhang zur Seite, und da wurde ein schlafender Mensch sichtbar. Ich konnte sein Gesicht nicht sehn, wußte nur, daß er krank war. Gleich wars finster, ich glaubte noch Orgelgetön zu hören, aber da wacht ich schon und wußte gleich, was dieser Traum bedeutete: ich sollte hingehn und den kranken Mann pflegen. Es war schon spät am Morgen, die ganze Nacht hatte ich gebetet, nun war mir so leicht, und dann hörte ich auch das Orgelspiel aus dem Traum ganz fern, — Sie warens, nicht wahr? — Ich nickte nur, so wunderbar schien mirs, daß sie, die von allen religiösen Dingen sonst immer mit soviel mystischer Schwärmerei gesprochen hatte, jetzt mit der natürlichsten Schlichtheit redete. Und wie das Natürlichste auf der Welt setzte sie hinzu: Mein Vetter Otto Herzbruch ist krank, Mama sagte es heut morgen beim Kaffee, es soll Lungenentzündung sein. Ich bin schon dort gewesen, seine Eltern sind tot, er wohnt bei seiner verheirateten Schwester; ihr Mann ist Arzt und sehr gut, ich darf dableiben.
Ja, was soll man dazu sagen? Es giebt natürlich zehntausend Kranke in der Welt, und ebenso natürlich ists, daß sie diesen einen zu pflegen hat, in Gottes Namen, ich habe ihr viele Küsse auf den Weg gegeben. Es wird schon gut für sie werden.
Darf ich Dir noch einen Rat geben, Kleines? Ich vermute, daß Du ziemlich untätig dahinlebst, es ist aber durchaus notwendig, daß Du Dich beschäftigst. Wie ist es nun mit Deiner Stimme? Sie muß kräftig genug sein, um die Anfänge der Ausbildung vertragen zu können, und gewiß giebt es in Böhne eine pensionierte Sängerin oder einen Kantor, der sie prüft, und bei dem Du anfangen kannst, atmen zu lernen. Willst Dus nicht versuchen? Mir zuliebe? Du weißt, wieviel ich von Deiner Stimme halte!
Daß wir Äpfel bekommen sollen, freut uns sehr, ich bitte um einen schönen Gruß und vielen Dank für Deinen Papa!
Leb wohl für heute! Sei geduldig und getrost!