Renate

Magda an Renate

Helenenruh, 10. Oktober

Liebe Renate!

Mir fällt ein, daß ich mich niemals für Dein schönes Bild bedankt habe. Das kam wohl, weil es mir gleich so vertraut war, nachdem es nur einen halben Tag auf meinem Schreibtisch gestanden hatte. Heut habe ich es Bogner gezeigt, und er sagte: Ach, du lieber Gott! — Du hättest es hören sollen! Als wenn das größte Unglück passiert wäre. Dann strich er immerzu mit der flachen Hand über das Glas, aber es wollte augenscheinlich nicht weggehn. Schön? fragte ich nur. Schön? sagte er. Schön wie Maria Stuart. — Warum denn die? frage ich erstaunt. Ein Stümper, sagt er, kann sie malen, und es wird immer ein Wunder bleiben. Dann fragte er, wie Deine Augen wären, und ich sagte, blau und auch grün und mit goldenen Tupfen. Und das Haar? Wie die Mähne von Rottraut, sage ich, — das ist mein kleines Pferd, ein Hellfuchs, aber Du würdest sagen, ein Brauner. Ach, du lieber Gott! seufzte er da nur wieder, mit dem Ton auf lieber, weißt Du! — — —

Ich will geduldig sein, Renate. Ja, das kann ich Dir versprechen, wie ich es Maler Bogner heut versprochen habe. Sein Bild von der Herzogin ist nun fertig. Als ich heut nachmittag in den Saal kam, wo er malt, um etwas Harmonium zu spielen — das mag er gern —, hatte er keinen Kittel an, und die Malsachen lagen alle so sauber und in feierlicher Ordnung wie heilige Geräte, mir aber gab er einen in rote Farbe getauchten Pinsel in die Hand und befahl mir ganz ernst, unten in die rechte Ecke, wo schon ein rotes Datum stand, ein Rad hinzumalen, das heißt, einen kleinen Kreis mit vier Speichen, was ich mit Herzklopfen tat, und er erklärte mir, das wäre sein Zeichen, eigentlich zwei B mit dem Rücken gegeneinander, ich aber dachte an das Rad im Angelus Silesius und sagte ihm den Vers:

Nichts ist, was dich bewegt, du selber bist das Rad,

Das aus sich selbsten läuft und keine Ruhe hat.

Und er sagte, das wäre ein guter Spruch, und ich sollte ihn beherzigen. Ich will doch versuchen, Dir das Bild zu beschreiben, denn es hat mich so — ich weiß nicht, eben wollte ich ‚erschreckt‘ schreiben, aber es war fast: enttäuscht. Denke Dir ein ganz gelbes Bild, lauter Gelb, auch Braun und bräunliches Gelb, und denke Dir ein sehr breites Fenster, das niedrig scheint, weil der obere Rahmen nicht sichtbar ist; in der Mitte steht eine Säule aus gelbem Stein, und die Fensterbank ist auch dunkelgelb. Draußen sieht man ein Stück unseres Parkes, wie vom Fenster des Saales aus, hellgelbe Herbstwiesen und rotgelbe Bäume wie die verdorrten Eichenblätter im November und schweren, graugelben Himmel, und nun erst auf einmal sieht man den Kopf der Herzogin, der in der rechten Hälfte des Bildes dicht über der Fensterbank ist — als wenn das Fenster hoch in der Wand säße, und es scheint, als wäre sie plötzlich von der Seite ganz still herangetreten, um hinauszusehn, so daß man nur das dunkelbraune Haar und den Hauch vom Profil und ein Auge sieht, und ihr Kopf ist so groß und fremd geformt, und doch alles von so wunderbarer Ähnlichkeit, daß ich wohl deshalb so erschrocken bin. In der andern Fensterhälfte steht noch ein Blumentopf mit Goldlack; der ist so schön, daß man gar nicht wegsehn mag, wenn man ihn erst entdeckt hat.

O, und es ist ein solches Schweigen in dem Bild, solche Totenstille, obgleich jedes Einzelne so lebt und atmet, als wäre niemals eine Bewegung dort, kein Luftzug im Park, kein Windhauch an den samtenen Blättern vom Goldlack; als käme nie ein Mensch dorthin, als könnte nichts diese grenzenlose Einsamkeit stören, in die sie hineingetreten ist, die nun nie wieder zurück kann. Keine Zeit ist da, auch kein Licht, das wir kennen, es kommt aus den Dingen selbst wie auf ganz alten Bildern. Den ganzen Nachmittag habe ich davorgesessen und kaum noch gewußt, daß ich lebe.