Bogner war fortgegangen. Später hörte ich ihn wieder hinter mich treten und sah, daß er sein Skizzenbuch in der Hand hatte. Dann mußte ich eine halbe Stunde still sitzen, und er ging um mich herum und zeichnete mich von allen Seiten. Ich war recht ärgerlich, denn er sah so abgefallen aus, und nun wollte er womöglich schon wieder was Neues anfangen, als ich ihm aber etwas sagte, hörte er gar nichts. Hinterdrein stellte ich ihn dann, aber er meinte nur, das wäre so eine Angewohnheit, wenn etwas fertig wäre, gleich einen Grund für ein Neues zu legen. Es würde einem ja angst und bange, setzte er mit einem Blick nach dem Bilde hinzu, wie so etwas fertig und immer nichts als fertig wäre, das sollte der Teufel aushalten. Da schien mir auch das Bild auf einmal ungeheuer ernst und ganz drohend, und ich kann mir wohl denken, daß es schwer zu ertragen sein muß, so etwas gemacht zu haben.

Und nun denke Dir, von meinem Gesicht hatte er eine Unmenge Zeichnungen gemacht, manche so zart wie die Linien einer Meereswelle im Schlick, die flüchtigsten Neigungen und Verkürzungen, und andres wieder so hart und übertrieben, fast wie Karikatur; ein Stück Nase hier mit der Augenbraue daran so deutlich, daß ich vor mir selber erschrak, als wäre es aus meinem Gesicht fortgenommen, und dann wieder nur ein Ausdruck an einem ganz fremden Mund, von dem ich nie etwas gewußt habe ...

O Renate, Renate, was ist das mit der Kunst, ist sie wirklich so entsetzlich? Haben wir nicht auch etwas davon zu verstehn geglaubt mit unserm bißchen Zeichnen und Aquarellieren? Und dann erst die Menschen, die von den größten Dingen so reden, als ob sie sich von selbst verstünden, wie Papa, der bloß fragte — freilich war Bogner nicht dabei —, was denn wohl der Blumentopf da sollte, und warum man die Herzogin von hinten sähe, und der Kopf wäre ganz verzeichnet. Ach, und da greift solch ein Mensch in die Herzen hinein wie in Staub und macht wie der liebe Gott mit etwas Wasser ein Ding daraus, daß man sich nicht zu fassen weiß. Wie kommt er dazu, sage mirs nur, wie kommt er dazu, von mir solche Dinge zu wissen, und wo nimmt er denn nur das Recht her, dies alles von einem abzunehmen und hinzulegen wie — wie eine Apfelschale? Das ganze Schicksal, und ich glaube, er kennt die Kindheit der Herzogin wie seine eigne.

Ich aber komme mir doch wieder recht beschützt vor in seiner Nähe, denn er selber ist einfach, groß und stark, und ich muß dran denken, wie ich als Kind, wenn ich so allein war, mir nichts Schöneres vorstellen konnte, als beim fürchterlichsten Regenwetter in dem Schilderhaus gegenüber zu stehn und nur durch das kleine Guckloch zu sehn, wie der große Posten draußen auf und nieder ging, Gewehr über und den Mantelkragen hoch geschlagen.

Gute Nacht! Dank für Irenes Geschichte, schreibe mir ja, was weiter aus ihr wird. Und grüße Deinen Onkel!

Deine Magda

Renate an Magda

am 15. Oktober

Liebstes Herz,

das hat mich sonderbar betroffen, was Du da von Deinem Maler, dem Bilde und von der Kunst geschrieben hast, und nun ist mir auf einmal die Bedeutung dieser unheimlichen Kälte aufgegangen, mit der C. F. Meyers seltsames Gedicht „Nach einem Niederländer“ schließt. Hier hab ichs, erinnerst Du Dich? Zu einem holländischen Maler kommt ein Junker mit seiner geputzten Tochter, um sie malen zu lassen. Der Meister malt gerade „ein kleines zartes Bild“, und so schließt das Gedicht: