Sie treten lustig vor die Staffelei:

Auf einem blanken Kissen schlummernd liegt

Ein feiner Mädchenkopf. Der Meister setzt

Des Blumenkranzes tiefste Knospe noch

Auf die verblichne Stirn mit leichter Hand.

— „Nach der Natur?“ — „Nach der Natur. Mein Kind. Gestern beerdigt. Herr, ich bin zu Dienst.“

‚Mit leichter Hand ...‘ Ja, begreifst Du nun schon, weshalb Du so erschrocken bist vor dem Bilde der Herzogin? Das war das Mitleidlose. Das wars, daß Du einmal gesehn hast: der Mensch — im Dichter oder Künstler — mag schaudern vor dem, was er darzustellen hat, ob es nun fremdes oder eignes Leid sein mag; der Künstler bleibt ungerührt, der kennt kein Mitleid, der ist herzlos, der malt „mit leichter Hand“. Sonst sehn wir ja immer nur das Kunstwerk und nicht die Lebenswurzel, aus der es kam; nun spürtest Du einmal den sichern Griff der Hand, die ein Unbekanntes aus Deinem eigenen Antlitz nahm, — o nein, darüber sollten wir nicht erschrecken, sondern schön ist es, rein und wunderbar, weil es diesen Sinn hat, daß es Dinge giebt, ja, daß der Mensch wie ein Gott Dinge machen kann, die so voll Unschuld und Unwissenheit sind wie der Baum, der aus einem Grabe wächst, wie der Vogel, der im Baume singt. Ach, woher denn sonst diese Magie unsrer Musik, die uns nimmt und wegführt, ganz fort, von allem fort, weit hinaus über Frohsinn und Traurigkeit, über Gut und über Böse in ein Unschuldsland, wo das Herz allein glücklich ist. Wir können uns erlösen, siehst Du, wir können es, denn wir können — ach, braucht es denn immer Kunst zu sein? — wir können reine Taten tun, die von nichts wissen, vom Schicksal, vom Blut, vom Schmerz nichts wissen, und dies sind wohl die ewigen Gebete, die bis in Gottes Herz gelangen und ihm immer wieder sagen, daß wir Menschen es doch wert sind, daß er uns gemacht hat.

Nun ist tiefer Herbst; ein goldener Tag. Ich sitze am offenen Fenster, manchmal dreht ein kleiner Lufthauch die Blätter des aufgeschlagenen Buches um, draußen im Garten sind alle jubelnden Farben versammelt, mir ist so wohl, ich wünschte von ganzem Herzen, Dir abgeben zu können! Nun, wenigstens kann ich Dir so lange schreiben, wie ich will, und da ich nicht immer schön weise Reden halten kann, will ich Dir ein bißchen was erzählen.

Da bin ich gestern nachmittag in einem Jungmädchentee gewesen, und es war nicht besonders, bis ein Menschenkind sich an das Klavier setzte, das ich schon vorher heimlich beobachtet hatte, denn sie hatte Haltung und eine äußerst liebliche Sicherheit, hatte wundervolles, dunkelrotes Haar, porzellanene Haut und die kräftigsten Brauen. Setzt sich hin und spielt die Aquarellen von Gade, Gott bewahre uns! Und wie hat sie gespielt! Wie ein Dämon. Nicht etwa „seelenvoll“, oder mit dem, was man so „Temperament“ nennt, sondern einfach mit einer unerhörten Rhythmik, die mich geradeswegs zittern machte. Dann das erste Präludium von Chopin, — wie ein Wassersturz. Hinterher sollte ich spielen, wagte aber natürlich nicht, die Tasten anzurühren. Und denke Dir, wie wir aufbrechen, kommt sie zu mir und fragt, ob wir nicht zusammen gehn wollten. Nun muß ich erst noch sagen, daß sie Ulrika Tregiorni heißt, das heißt, eigentlich heißt sie wie ihr Mann — ich hätte geschworen, sie sei unverheiratet — nämlich Hoeck, aber da sie sich beim Auftreten — sie ist Pianistin — mit beiden Namen nennt, so lassen ihre Bekannten meist den „Höcker“ fallen, wie mir die Mädchen sagten. Lange spielt sie übrigens noch nicht öffentlich, sonst würde ich sie ja auch kennen.

Nun, wir kamen denn bald vom Hundertsten ins Tausendste. Sie sagte mir einfach, sie hätte von meiner Orgel gehört, und nun werde ich ihr heut nachmittag vorspielen (auf der Orgel hab ich ja Mut!). Vielleicht arbeiten wir dann miteinander und lehren uns alle Geheimnisse. Kannst Du Dir denken, wie ich mich freue?