Nun was Romantisches!

Ich steh mit dem Gärtner heut früh im Vorgarten, da kommt eine Droschke, hält, heraus steigt ein Riese mit einem weißen Turban als Kopf, dahinter mein Vetter Josef. Wer ist der Riese? Mein Vetter Erasmus. Und der Turban ist ein Verband; ein Auge zwinkert grad heraus, selbst das völlig verschwollen! Gott bewahre mich! Josef hinter seinem Rücken will sich totlachen. Ich, brennend vor Neubegier, will ihn ausfragen, da tut er entsetzlich geheimnisvoll: das könnte er mir nur in seinem Zimmer erzählen, — also was halfs? Ich mußte mit hinauf — hatt es ihm auch schon lange versprochen — und nun gehts nicht anders, nun mußt Du erst die Beschreibung hören.

Stelle Dir vor, Du öffnest die oberste Tür in einem Treppenhaus und siehst Dich einem großen, gotischen Fenster gegenüber, das entfernt von Dir steht, und das eine einzige, spitzgewölbte Fläche von unbeschreiblich milde leuchtendem, grünlichem Glase ist, in kleine, quadratische Felder geteilt und vom Fußboden bis nahe unter die Decke steigend. Ja, da stehst Du und staunst. — Das Zimmer nun liegt der Länge nach vor Dir, das Fenster steht in einem Erker: es scheint dämmrig, obwohl es in Wirklichkeit, wenigstens an lichten Tagen wie heute, schön hell ist, und da siehst Du in Deiner Nähe eine Vitrine, angefüllt mit den köstlichsten Porzellanen, und an den langen Wänden links und rechts sind Büchergestelle mit grünseidenen Vorhängen, die bis zu Schulterhöhe etwa emporreichen, und einen Fußbreit darüber hängen nebeneinander viele japanische Holzschnitte, uralte, von den erlesensten Tönungen. Ein großer, niedriger Tisch, rund und mit grüner, langzipfeliger Decke steht noch im Zimmer, ein paar tiefe Sessel darum und im Erker ein Lehnstuhl mit hoher und steifer Rückwand, grau bespannt voll Silberstickerei. Dahinein darfst Du Dich setzen und eins von den kleinen Quadraten in der schönen Fensterwiese aufmachen, dann siehst Du weit ins Land hinein, siehst weit hinten die Stadt mit Kuppel und Türmen in ihrem Rauch, siehst unten die großen Wiesenflächen und den Bahndamm und den ganzen, großen Herbsthimmel mit allen Wolken!

Du magst aber gehn oder stehn im Zimmer, wo Du willst, immer ist das unsagbare Grün, diese weite Fläche im gotischen Rahmen um Dich her, als wärest Du in einer Wolke, und wenn Du längst wieder draußen bist unter den gewöhnlichen Dingen, merkst Du es plötzlich an Deinen Augen und mußt mit der Hand darüber fahren, und es kommt Dir vor, als wäre alles milder geworden.

Das ist dieser Josef ... Nun aber höre Erasmus dagegen — das heißt, ich muß ganz von vorn anfangen.

Ein paar Meilen von hier wohnt auf ihrem Gute die steinalte Frau Rüdiger nebst ihrer Adoptivtochter Virgo. Onkel Augustin steht mit ihr in Verbindung wegen ihrer Rosenzucht, und wir sind einmal hingefahren. Der Gutshof ist ein schönes, altes Schloß, und sie kam uns in der Torfahrt entgegen, völlig unkenntlich freilich, denn sie trug Kniehosen, einen Jägerrock, uralt wie sie selber — klein aber sehnig — ein grünes Hütlein auf dem Kopf und rauchte eine kleine Pfeife. In ihrem Wesen war von alledem nun keine Spur, sie war eine richtige alte Frau, hat aber ihr Leben lang die eigentümlichsten Marotten gepflegt, wovon die eigentümlichste wohl die sein dürfte, daß sie Waisenkinder aufzog, und zwar nicht bloß so gewöhnliche, sondern gewissermaßen exquisite, nämlich Kinder von Verbrechern, Trunkenbolden, Hingerichteten und Gottwasweißich. Das letzte Kind war Ulla Steinbrech, die wurde selber umgebracht, denn sie war mannstoll, kriegte mit sechzehn Jahren ein Kind, ihre Pflegemutter zwang sie, dessen Vater zu heiraten, da gab sie ihm ein schleichendes Gift, und die Pflegemutter bestand darauf: sie mußte auf das Schafott. Ja, so war sie, nun ist sie sanfter geworden, die alte Rüdiger. Ihr jetziges Kind, die kleine Virgo, ist ein kleines, zartes Wesen von achtzehn Jahren mit den allergrößten schwarzen Augen und einem schwarzen Tituskopf, denn die alte Rüdiger kann lange Haare nicht leiden.

Nun aber hat sie sich — Virgo — vor einiger Zeit in einen Studenten, einen Italiener, einen Conte oder Marchese, verliebt (italienischer Adel, sagt Josef, wäre ‚mau‘!), aber wie er ihre Pflegemutter um ihre Hand bittet, so sagt sie, es wäre ein Irrtum, daß sie Virgo adoptiert hätte, und sie bekäme dreitausend Mark im Jahr; worauf der Conte hinging und die Kleine zu einer Entführung überredete, aber wie sie in tiefer Nacht die Treppe zum Bahnsteig hinaufgehn, so kommt ihnen Virgos Bruder entgegen, gerade aus dem Vlissinger Schnellzug von Irland her.

Nun dieser Bruder, der hat auch seine Geschichte. Gestern brachte ihn der Erasmus, dessen Schulkamerad er ist, zum Mittagessen mit. Er erschreckte mich ein wenig, denn er ist ganz schwarz, hat eine fleischige Nase unter schweren schwarzen Brauen und eine merkwürdig schlanke und breitschultrige Figur; bald sah ich dann die tiefe Gutheit seiner Augen, und daß er einen schönen Mund mit schwingenden Rednerlippen und ein noch schöneres Kinn hat — Du weißt vielleicht, wie selten bei Männern ein gutes Kinn ist —, ein rundes, sorgfältig gedrehtes, und er ist eitel genug, sich eine schwarze Bartfräse darunter um den Hals zu hängen, was ihn merkwürdig verfinstert. Er ist mit zwölf Jahren dem Waisenhaus entsprungen, auf ein Schiff gegangen, später mit etwas Geld aus Amerika wiedergekommen, irgendwo in der Lehre gewesen, hat gleichzeitig Sprachen und Mathematik und was sonst nötig war, gelernt, um in die Sekunda des Gymnasiums zu gelangen, worauf sich wohl Erasmus’ Vater seiner angenommen hat. Nun ist er nationalökonomischer Doktor, Volksredner, Sozialdemokrat und will in den Reichstag. O, tüchtig, tüchtig!

Die alte Rüdiger liebt ihn nicht, und er darf seine Schwester nur selten sehn. — Nimmt sie also bei der Hand und will sie schön nach Hause bringen, da springt der Conte dazwischen, und — wie Josef es ausdrückte — nachdem Klemens — so heißt er — ihn wieder aufgehoben hatte, gab es eine Forderung. Heute morgen sind sie mit Säbeln aufeinander losgegangen.

Das folgende ist nun schwierig zu erklären. Du weißt, daß bei Duellen Sekundanten gebraucht werden, deren Obliegenheiten mir dunkel sind, aber Josef hat mir erklärt, daß es bei studentischen Duellen möglich ist, daß die Sekundanten sich gegenseitig erzürnen und beleidigen, und daß es ein neues Duell zwischen ihnen giebt, das schnurstracks ausgefochten werden muß. Ach, weißt Du, Kindlein, das Ganze erinnert mich so herzlich an meinen guten Neger, hab ich Dir das mal erzählt? Wie ich in Genua auf der Kaimauer saß und aquarellierte und eine ungeheure Volksmenge sich um mich versammelte, vermutlich weil ich so weiß in Schleiern und blond war? Und wie sie zudringlich wurden, und plötzlich ein ungeheurer Mohr seine Jacke auszieht und auf die Erde wirft, sich die blauen Hemdärmel aufstreift und im schauderhaftesten Italienisch erklärt, daß es eine Schande wäre, eine Lady derartig zu behandeln, und dann anfängt zu boxen, daß es gräßlich anzusehn war? Ja, daran erinnerte mich der Erasmus, denn er war der Sekundant seines Freundes Klemens, und er und der Andre, sagt Josef, wären aufeinander losgegangen wie die Teufel. O Männer, o Männer!