Nun lebe wohl, Herz, ich hab mich ganz lahm geschrieben, hoffentlich bringt all der Unsinn Dich ein klein wenig zum Lachen. Lebe tausendmal wohl! In inniger Liebe Deine
Renate
P. S. Der Brief blieb versehentlich liegen; nun muß ich ihn doch noch einmal öffnen, um meiner Begeisterung für Ulrika Tregiorni die Zügel schießen zu lassen, die eben wieder gegangen ist. Sie hat mir eine Klavierbearbeitung der Violinchiaconna von Busoni mitgebracht (viel schöner als die von Brahms!) und vorgespielt, daß es mich einfach hinweggefegt hat. Dann kam meine Orgel, und Gott sei Dank, ein klein wenig ist sie auch weg gewesen, und so wetteiferten wir denn. Zwischendurch hatten wir die herrlichsten Gespräche, von Bruckner, den ich nicht kenne, von Bach und Beethoven, den sie immer nur den Nabob nennt. Das paßt auch vortrefflich, und Du hättest sie hören müssen, wie sie das erklärte, wie Beethoven eine solche Üppigkeit sei, gewaltige Weinberge, beladen mit ungeheuren und süßen Dingen wie mit riesigen Trauben, allein — denke Dir, sie gab im Herzensgrunde Bach den Vorzug, allerdings wohl nur aus Egoismus, weil Beethoven kein Klavierkomponist war. Du wirst sie bald kennenlernen müssen. Dann wirst Du eher wissen, als ich, warum sie ein Mädchen ist und keine Frau.
Und nun adieu!
Magda an Renate
24. Oktober
Es war nichts, Herz! Ja, ich bin lustig gewesen, ich habe sogar viel mehr über Deinen lieben Brief gelacht, als mir selber begreiflich war, das rächt sich nun, und mir ist wieder elend. Bogner gehts auch schlecht, er sitzt stundenlang vor seinem Bild und raucht und sagt, es wäre die größte Schande seines Lebens, und er verstünde nicht, wie er das jemals wieder gutmachen sollte. Und wie glücklich könnte er sein, er, der doch immerfort sein Leben in Werke umsetzt, der wie kein Mensch sonst sieht, daß er etwas gemacht, daß sein Tag nicht umsonst war, nicht umsonst die Schlaflosigkeit der Nächte, und Essen und Trinken und Sichanziehn, alles nicht umsonst, weil etwas da ist, das er gemacht hat. Wir gleiten so dahin, verbrauchen das Heute, um uns Kleider für morgen zu machen, und die Stunden fallen uns nur so aus der Uhr, — kling — klang, wieder eine abgelaufen.
Dann hat mir auch der arme Jason wieder einen Schrecken eingejagt. Er schien ja wieder ganz wohlauf zu sein, nur sprach er kein Wort und ging gebückt umher, die Hände in den Taschen, und schien eigentlich nichts zu sehn. Dann merkte ich, daß er immer vor sich hinmurmelt, und heut abend — jetzt ist es Nacht —, wie Vater und Bogner und ich bei der Lampe sitzen und lesen, fängt auf einmal seine Stimme im Schatten an, und er sagt ein wundervolles Gedicht, das ich leider vergessen habe. Nach einer kleinen Pause fängt er ein andres an, und dann hört er nicht wieder auf, und es war wohl eigentlich wunderbar, er sprach nur leise, aber mit solchem Ausdruck, daß die Worte leuchteten wie Früchte und Blumen, und dann wars der sanfteste Regen, und dann warens auf einmal nur noch Worte, und es ging immer geschwinder, atemlos, unaufhörlich, ganz monoton, wie ein Uhrwerk, bis Bogner endlich aufstand, zu ihm trat, ihm die Hand auf die Schulter legte und ganz ruhig sagte: Nun ists genug. — Da wagte ich erst, zu ihm hinzusehn, und er saß da, in sich versunken, aber sein bleiches Gesicht war mit einer solchen Verzweiflung, solcher Sterbensmüdigkeit und auch mit solch kindlicher Ratlosigkeit zu Bogner emporgedreht, als ob der alles wüßte und gleich helfen könnte, — o, es war schaurig! Da sagte Bogner, er sollte ihm nun einmal ruhig erzählen, was ihm eigentlich fehlte, und er blickte ihn auch ganz gehorsam an und sagte: Das Gedächtnis, nur das Gedächtnis. — Was denn damit sei? — Ja, sagte er, es hat alles gefressen. — Ach, Renate, es ist zum Weinen, wie kindisch er das alles vorbrachte!
später
Er sagte, er sei als kleiner Knabe einmal auf den Kopf gefallen, und daher sei es wohl gekommen, daß er alles, was er lese, behalten müßte, und was er zweimal gelesen hätte, das würde er nie mehr los. O, sagte er wieder etwas muntrer, ihr müßt nicht denken, daß dieses nicht auch seine Vorzüge hatte, nichts auf der Welt ist ohne Vorzüge, und ich zum Beispiel, ich spreche alle Sprachen der Welt. Ich habe sie alle auswendig gelernt. Und er erklärte uns das, und sagte auch, er habe ja den eigentlichen Schaden erst nach Jahren bemerkt, wie das immer so gehe, wie auch mit Kindern, die alle erst herrlich gefunden würden, und später taugten sie gar nichts. Aber erst, wie er schon fast erwachsen gewesen sei — ja, denke Dir, er ist schon über dreißig und sieht kaum wie zwanzig aus — habe es sich zu einer richtigen Krankheit entwickelt, einem Katarrh, einer Cholera, und erst in Zwischenräumen von Monaten, dann immer häufiger habe er Anfälle, die manchmal wochenlang dauerten, da gefalle es dieser Charybdis von Gedächtnis, alles Eingesogene wieder auszuströmen, und damit verfahre es ja nun ganz methodisch, indem es sich immer in gewissen Grenzen halte, mit kleinen, niedlichen Variationen, und wenns einmal Gedichte wären, so wärens ein andermal Dramen, auch halte es sich streng an die Sprachen und verwechsele Englisch niemals mit Finnisch, obgleich eins so greulich wäre wie das andre. O, stöhnte er dann laut, wenn doch endlich, endlich einer käme, der mir mit einem einzigen Beilhieb diesen Schädel entzweispaltet wie eine Nuß, daß ich das Ganze herausnehmen und zerquetschen kann, — aber — und da fiel er wieder zusammen — ihr habts ja nicht gewollt.