Ja, da bin ich freilich auch zusammengefallen und konnte nur noch in mein Zimmer hinaufgehn und mich aufs Bett legen.

Ich, Renate, ich, ich bin es doch gewesen, die ihn zweimal verhindert hat, sich zu erlösen, ich, in meinem Unverstand, ich habs nicht zugelassen, daß er sich ausruhn dürfte, und nun sage mir, ja, sage mir, wenn Dus weißt, wie ich das jemals wieder gutmachen soll!

Magda

Renate an Magda

Am 24. Oktober

Auf einmal, wie ich vor der Orgel sitze, sehe ich im kleinen Spiegel über mir, daß Irene mitten in der Kapelle steht. Ich breche ab, frage: Irene? Ist er wieder gesund? — Sie steht da, hat die Augen niedergeschlagen und lacht. Dann wird sie nachdenklich und sagt: Die Wege des Himmels sind außerordentlich ... Und lacht wieder. Ich ahne sonderbare Dinge und herrsche sie an: Steh Rede, Irene! — Was meinst du, fragt sie da mit tödlichem Ernst, ob ich ihn wohl heiraten soll? — Wie kann ich das wissen, Irene, du mußt doch wissen, ob du es willst! — Ja, ich will wohl, sagt sie, wenn das genügt, er will auch. — —

Ja, ja, Magdachen, die Wege des Himmels sind außerordentlich ...

Wobei mir einfällt, daß ich ganz vergessen habe, Dir von einem Freunde zu schreiben, ja, Freunde, kann ich wohl sagen, obwohl wir uns erst drei Tage kennen. Du siehst, er ist mir schon so gewohnt, daß ich vergaß, Dir von ihm zu erzählen. Wie er aussieht? — Er wird dreißig Jahre alt sein, ist ziemlich groß, aber mager, Kopf und Gesicht sind klein, aber zart, zart auch das blonde Haar und die Nase, die im Profil mit Stirne und Kinn eine schräge Linie bildet, und die hellblauen Augen sitzen ein wenig flach und sind länglich geschnitten. All das, mit der hohen Kopfform, ist ein wenig fremdartig, wie von einem mir unbekannten Volke. Der Ausdruck ist sehr ernst, sein Gehaben still, seltsam innig sein Lächeln. Ja, so sieht er wohl aus. Im Konzert blickte er mich vom weiten an, ganz ruhig, anders als die andern Menschen, und hinterher kam er, verbeugte sich und sagte irgend etwas wie: Er hätte das Gefühl, als ob er mir dienen könne, oder so. Womit aber? fragte ich, doch einigermaßen verwundert, worauf er mir freundlich meine Garderobemarke aus der Hand nahm und sagte: Augenblicklich wohl dadurch, daß ich Ihren Mantel hole. — So hatten wir uns kennengelernt. Auf dem Wege zu meinem Wagen waren wir schon so in ein musikalisches Gespräch vertieft, daß ich den Wagen wegschickte und den ganzen Weg nach Hause — gut dreiviertel Stunden — mit ihm zu Fuß durch die Nacht ging und nachher noch eine halbe Stunde vor dem Hause auf und ab, und dann hat er noch bei mir Tee getrunken. Möglicherweise ist es mein verstorbener kleiner Bruder Albrecht. Er spielt Geige, aber sein Beruf ist das nicht. Übrigens weiß ich nicht einmal, ob er einen Beruf hat; er bemerkte nur einmal gelegentlich, er beschäftige sich mit Geschichte. — — Ja — so: er heißt Saint-Georges. Den Vornamen weiß ich nicht, und es machte sich schon so, daß ich ihn Georges nannte.

Am 26.

Dies schrieb ich vorgestern, nun ist Dein Brief da, und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wenn ich denken müßte, wenn ich fürchten müßte, daß die Dunkelheit jener Stunde, in der Du mir schriebst, anhalten sollte, so hielt ichs nicht aus vor Angst. Ich bitte Dich, schreibe mir gleich ein paar Zeilen, ob es so ist, dann komme ich sofort, es muß gehn, was nützt Schreiben! Ich muß bei Dir sein, und wenn ich Dir selbst nicht helfen könnte, so wüßte ich doch, daß Du nicht allein bist. Ich bitte Dich, schreib! In Liebe und Sorge