Renate
Viertes Kapitel: November
Magda an Renate
4. November
Was soll ich schreiben? Deine Briefe lese ich oft, das ist so gut, als wärest Du bei mir. Du bist glücklich und heiter unter lieben Menschen, was solltest Du hier? Man muß doch mit allem allein fertig werden.
Mit mir will es nicht so recht vorwärts. Der Herbst fröstelt mich so. Des Nachts wache ich oft auf und gehe ans Fenster. Es ist windig und ganz schwarz draußen, ich weiß, daß draußen alles voll Trümmer liegt. Dahinter steht das schwere Tosen der See, manchmal glimmen Sterne und erlöschen schrecklich jäh. Dann rauscht der Regen, endlos. Ich mache Licht, liege, denke. Manchmal, halb im Traum, scheint mein kleines, erleuchtetes Zimmer mir die Kajüte von einem großen Meerschiff, das unendlich fern von euch durch die schwere, nächtliche See stürzt. Manchmal sehe ich schreckliche Dinge und kann doch die Augen nicht abwenden. Ich sehe einen Menschen, der langsam in einen Sumpf versinkt. Alles ist meilenweit mit Nebel bedeckt, tödliche Öde, und er sinkt und sinkt, und ich sehe zuletzt nur noch einen Arm, der um Hülfe flehend gräßlich herausragt. Ach, so versinkt mir jeder Tag, und es giebt keine Hülfe. Und dann diese Nächte, dies verzweifelte, dumpfe Stöhnen der Natur, die ohn Unterlaß den entsetzlichen Kampf kämpft bis gegen Morgen, die ganze, schwere, verworrene Nacht. Dann weiß ich: der Tag wars, der sich daraus hervorgerungen hat. Da liegt er nun halb entseelt, sterbensmüde und hat zerbrochene Augen.
Wunderst Du Dich, daß ich dies so verstehe? Mich wunderts selbst, denn früher kannte ich die Natur ja nicht. Sie war etwas Liebes, Schönes, zum Drinherumgehn und sich Freuen. Nun ist mir alles so furchtbar verwandt geworden, und was ihr geschieht, fühl ich am eigenen Leibe.
Jason schleicht hinter Bogner her den ganzen Tag und erzählt ihm auf Schritt und Tritt. Einmal mußte ich so lachen, es kam mir so vor — der überlaufende Jason hinter Bogner — wie der aufgeschnittene Hirsebeutel in Andersens Märchen, den die Prinzessin um den Hals hat, als der große Hund sie zum Soldaten trägt. Haben wir nicht einmal Märchen gelesen? Das muß viele, viele Jahre her sein.
Abends sitzen wir alle zusammen und hören Jason zu. Vater und Bogner trinken ihren Grogk; ich sticke ein wenig. Ich glaube, ich werde den Winter lang durch die ganze Literatur kommen, Hebbels Dramen haben wir schon alle gehabt, jetzt hören wir Storm. Es geht seit einiger Zeit merkwürdig im Zickzack. Als er Frau Marie Grubbe kaum angefangen hatte, geriet er auf einmal ins Dänische, da mußte Bogner ihn abstellen, und auf einmal merkte ich, daß er in Aquis submersis war. Ich freu mich schon auf Keller, von dem ich nur das Sinngedicht kenne.
Alles nimmt mich so hin! Neulich war noch ein schöner Tag, so leicht und bläulich, daß ich mich gar nicht fürchtete vor aller Kahlheit. Da ging ich gegen Abend den Sandweg auf Lüdersens Deich gegen die Windmühle hinauf. Ach, wie mußte ich plötzlich stehenbleiben und nach den Birken sehn, an denen noch ganz wenig zitterndes Gold hing und tropfte; zwischen ihnen war der Himmel, aus reinem Purpur und ganz nah, und davor trieben leise, leise die goldenen Flocken herunter. Alle Schwere schien mir da fortgenommen, ich dachte, so müssen die Hände von Sterbenden sein, die schon erleichtert sind innerlich von der ganzen Leichtigkeit eines neuen Daseins. Ja, das war die letzte Zärtlichkeit des Jahres. Und wie ich da plötzlich den Weg vor mir steigen sah, grade in den leeren Abendhimmel hinein, als ob er jenseit des Hügels, anstatt hinabzusinken, schweben würde, — ach, wunschlos sein! riefs da in mir, so wunschlos dem Ende hingegeben! Ich breitete die Arme aus, als sollte es mich nun erfüllen mit Stille und Frieden und Dankbarkeit, — zu jedem Dienst wäre ich ja bereit gewesen!