Es kam natürlich nichts. Nur die Nacht.
Alles, alles, alles ist verändert. Was ewig stille zu stehn schien, das entgleitet mir nun leicht wie ein Kahn, — nein! Ich selber treibe mitten im Fließenden, tief drin, als sei ich schon unendlich weit hergekommen. Reifen würd ich, schriebst Du vor Ewigkeit; warum? wozu? Und wenn ichs täte — mir wäre es herzlich unwillkommen; hart scheint mirs und sehr, sehr verfrüht.
Dienstag
Heute morgen bin ich doch vor mir selber erschrocken. Mein Haar war mir so schwer geworden, ich wollte mich anders frisieren, da sehe ich plötzlich meinen Mund im Spiegel. Der war so heiß und so dunkel, ich mußte an eine Wunde denken, habe freilich noch keine gesehn. O wer hat mir die zugefügt? Kein Mensch, o nein! Solche Wunden sind ja nicht menschlich, es muß wohl das Leben selbst gewesen sein, weil es mich haßt; es hat mich ja längst aus seinem Gebiet gestoßen, und doch lebe ich noch immer. O, und ich schäme mich, unter die Andern zu gehn mit meinem Munde, mit dem Zeichen der Verstoßenen. Er sah so gierig aus. Mich graute.
Sonnabend
Wieder ein paar Tage hingebracht. Nein, Du sollst nicht kommen, auch Du wärst viel zu laut und schön; wo Du bist, ist Musik, wer möchte hier wohl tanzen? Sie müßten sich alle wundern. Jason ist mit Storm fertig, alles höre ich ja leider nicht, weil er auch tagsüber spricht, wenn ich zu tun habe, nun hören wir die Seldwyler, einen nach dem andern, es ist sehr lustig.
Auch Bogner geht es schlecht. Mein Bild kränkt ihn, an dem er nun malt, o ich weiß wohl, woher das kommt! Er will mich lebendig auf seiner Leinwand haben, und das soll ihm nicht gelingen. Ich sitze ihm fast jeden Tag ein paar Stunden, aber er malt fast gar nichts, nur der ganze Saal füllt sich allmählich mit Studien, ich weiß nicht, wann er die macht, fast denk ich, nachts im Dunkeln, er ist ja ein Zauberer. Er nimmt alles aus mir heraus, Stück für Stück. Möchte wissen, wie lange es noch dauert, bis ich leer bin. Ich fürchte, Jason mit seinen Geschichten füllt mich immer wieder ganz heimlich. Denn der sitzt immer dabei, redet und redet, manchmal lauter, manchmal leiser. Auch ist er nun oft verstört und gleitet von einem ins andre — schließlich giebt es ja kein Wort, das nicht auch wo anders stünde — und wir lassen ihn nun in Frieden.
Oft ist es in solchen Stunden doch ganz still. All das Leben, von dem Jason erzählt, braust in der Ferne wie Meeresbrandung, aber ich fühle wohl, daß ich irgendwie hinein verflochten bin, daß es auch mein Blut ist, das in diesen Menschen litt, und wenn ich recht darüber nachdenke, so erleichtert michs auch, Zusammenhang zu fühlen. Haben die Menschen früher nicht leidenschaftlicher gelebt? Und die Dichter, können sie dies alles erlebt haben? Ich glaube, ihnen erging es so wie mir, tiefer als Andre fühlen sie den Zusammenhang ihres Blutes mit allem andern; im eigenen Blut hören sie alle Stimmen, alles Schreien, alles Weinen, sehn das goldenste Lächeln und so schöne Landschaft, wie wir nie zu sehn bekommen, weil wir immer über uns hinwegsehn, nicht in unser Blut, wo alles erst wirklich wird. O, dann ist es süß, auf das Leben zu lauschen, wenn man draußen ist, es ist wie Weihnachten, wenn man durch die Ritze späht und sieht, wie drinnen die Lichter an zu brennen fangen.
Bald ist Weihnachten. Spitze Dich nicht auf ein Geschenk, gute Renate, ich hab eins angefangen, aber ich komme nicht vorwärts, und die Herzogin muß doch ihre Kleinigkeit haben wie jedes Jahr, und das geht wohl vor. Unsre Freunde können ja für uns darben.
Nun will ich diesen Brief doch abschicken, obwohl ich ihn eigentlich für mich allein geschrieben habe.