Wenn ich heute mit meiner alten Gewohnheit — die beiläufig aufs Haar so alt ist wie Du — keine Briefe zu schreiben, breche, so geschieht das aus keinem bestimmten, sondern vielmehr aus jenem, von verschiedenen Grundlosigkeiten gebildeten Grunde, der in seiner Unbestimmtheit um so schwerer zu wiegen pflegt, bei kleinen Taten wie bei großen. Mehr Ärgernisse am Tage als üblich, die gewöhnliche Schlafunbedürftigkeit hinterdrein, der alte Mangel, nicht auf und ab laufen zu können, das Umherflattern ungefestigt bleibender Gedanken, überdies eine kleine Sonderursache, auf die ich gleich kommen werde, schließlich doch auch die unablässigen Gedanken und Besorgnisse um Dein Ergehen, die sich einmal verdichten und sich sagen lassen wollen, — Gründe genug, sich verführen zu lassen, und der letzte soll gelten!

Nicht, als ob Deinetwegen Befürchtungen gegenständlich geworden wären. Daß Du die verabredeten, wöchentlichen Kartenberichte an Mama so pünktlich innehieltest, ist ja keine Tatsache von Belang, sei aber immerhin lobend erwähnt. Mama läßt Dir fürs erste halbe Dutzend liebevoll danken, freut sich im übrigen auf Weihnachten und begeht wieder einmal ‚Advent!‘sonntage. — Mein Empfinden gegenüber der Nachricht auf einer Deiner Karten, daß Du im Schwabenkorps aktiv geworden bist, entsprach genau der von Dir gebrauchten Wendung: „Gegen Papas zwar nicht ausdrücklichen Wunsch — Du weißt, ich habe nach wie vor keine — aber doch inneres Widerstreben.“ Da Du so freundlich warst, mich zu erwähnen, so erlaube mir heute ein Wort zur Sache.

Der Betrieb im Korps ist mir ja aus zwei Studiensemestern bekannt, wo ich Konkneipant der Preußen in Bonn war, und er wird sich, da seit Jahrhunderten ziemlich ungewandelt, auch in den seither vergangenen zwanzig Jahren kaum verändert haben. Ich habe ferner im Leben unter ehemaligen Angehörigen des S.-C. ebensoviel Unleidliche und Brauchbare gefunden, wie sie im ganzen Daseinskreise verteilt zu sein pflegen. Im übrigen schien mir das Korps da zu sein: einerseits für die ganz Windigen, deren völlige Zerblasenheit zu verhindern mir das Korps immerhin imstande zu sein schien; andrerseits als Manierenanstalt für die aus irgendeinem Grunde unerzogen gebliebenen Söhne der Oberklassen. Bleiben noch die Vereinzelten, darunter jene, die sich gedrängt fühlen, leitende Stellen einzunehmen, anzuordnen, zu herrschen, und jene, denen das Korps heute noch bedeutet, was es ursprünglich war, nämlich Gelegenheit, kameradschaftlichen Anschluß zu finden. Im ganzen also eine Zuchtanstalt, in der wie in jeder andern der Begabte — mit Lebenskraft begabte — gut besteht, der Mittelmäßige sich durchdrückt, der Verlorene sich verliert.

So ist die Frage, aus welchem Grunde Du sie aufgesucht haben magst, wohl unausbleiblich. Vielleicht beantwortest Du sie mir gelegentlich mündlich; neugierig bin ich nicht. Setze deshalb noch hinzu, daß ich mich zu erinnern glaube, Dir stets, wie auch in einem eindringlicheren Gespräch am Vortage Deines letzten Geburtstages, den Vorschlag gemacht zu haben, Du mögest Dich dorthin begeben, wo sich Menschen — oder sagte ich, reiche Menschen? — nun jedenfalls Menschen aufhielten, nicht Leute. Den Einzelnen riet ich Dir und beanstande freilich in keiner Weise die Möglichkeiten, daß auch im studentischen Korps deren zu finden sind.

Und nun zu der oben erwähnten Ursache!

Da habe ich Dir zunächst herzlich Dank zu sagen, daß Du fortfährst, wie früher durch Büchersendungen mir den Erwerb von Kenntnissen in schöner Literatur zu erleichtern und zu fördern. Nun fand ich im letzten Paket ein Buch, das vermutlich auch Du gelesen haben wirst, für dessen Bekanntschaft ich Dir ganz besonders verbunden bin, das mich während der letzten Wochen begleitete und ein reicher Quell von Freuden und Erkenntnissen für mich wurde, ich meine — vielleicht hast Du es schon erraten — die Pilgerfahrt Sebald Soekers von Knoop. Freilich ein Buch, dessen humane Werte — obgleich ich mir in litteris ja kein Urteil anmaße — die künstlerischen mir zu überwiegen scheinen, oder findest Du die Menschen darin nicht auch ein wenig bläßlich, schattenhaft, mit wenigen Ausnahmen wie dieser famose kleine Freiherr Skarpl? Auch denke ich besonders an den zweiten Teil, die Erinnerungen Sebald Soekers, deren Stil und Charakter, deren ganzes Leben und Regen mir in wundervoller Weise die Gestalt eines wahrhaft aristokratischen Menschen vor Augen stellten. Und was die erwähnte Bläßlichkeit anbelangt, so scheint dieser Schatten mir immerhin wieder auf einen Vorzug vor den meisten Büchern unserer Tage zurückzugehen, nämlich auf eine Abneigung gegen das ‚Psychologische‘, wo sich denn bei allen derartigen Erzeugnissen das Wort Psychologie mit „Seelenforschung ohne Menschenliebe“ wohl übersetzen ließe. Und mit dem Überhandnehmen des Psychologischen scheint mir auch der demokratische Zug in die Literatur eingedrungen zu sein und der, freilich lange blaß und vielfach abgeschmackt gewordene aristokratische daraus sich entfernt zu haben.

Du erinnerst Dich vielleicht eines Reisegespräches aus unsern Augustfahrten über aristokratisches und demokratisches Wesen; und erinnerst Dich auch, daß wir im Kern des Aristokraten ein Beruhen, in dem des Demokraten die Bewegung fanden. Wir einigten uns auf die demokratische Tendenz alles Geistigen und kamen zu dem Schluß, daß, wenn es den Vorzug des Aristokraten bilde, vertrauensvoll auf eine Tradition, auf das gesicherte Gewordene zurückzublicken, der des Demokraten eine unbegrenzte Gläubigkeit an das Kommende sein müsse. So könne also, meinten wir, wenn ein Charakter von annähernder Vollkommenheit sich bilden solle, eines das andre niemals ausschließen, sintemal verharrender Blick auf das Vergangene sinnlos und albern wäre ohne den Blick darüber hinweg in eine, das Aufgespeicherte nützende und fortbildende Zukunft, ebenso wie für das Zukunftsvertrauen unerläßlich sei der Glaube an einen, von Vergangenheit wohlvorbereiteten und gesicherten Boden. Aristokratischer im Kerne vielleicht — nur vorsichtiger Demokrat — glaubten wir, solle der Mensch sein unter Menschen, der Tätige; demokratischer der Geist, beweglicher, leichtherziger gegen den Boden als gegen seine Flügel und Flüge.

Ich würde mich freuen, wenn wir mit neuem Anlaß und in neuen Richtungen das alte Gespräch zu Weihnachten wieder aufleben lassen könnten. Nun, jedenfalls, die Bestätigung für alles eben Gesagte fand ich im Knoop und in ihm den wahren, inneren Aristokraten in vorzüglicher Reinheit. Da fällt mir das ausgezeichnete Wort ein: „Die eigentlichen, inneren Aristokraten werden von den Weltbegebenheiten selten zur Macht geführt; sie wünschen es auch gar nicht, halten sich zart und hochgemut beiseite.“ Wohin, mein Sohn, schreiben wir uns dieses? Hinter die Ohren schreiben wir es uns. Und dann das andre Wort — wahrhaftig, wenn ich an jenem Tage, wo ich, nach alter Väterweise, versuchte, etliche eigene Erfahrungen in nicht allzu lehrhaften Lehren für Dich zu kristallisieren, dies Buch gekannt hätte, so würde ich nicht unterlassen haben, Dir das vollkommene Wort vorn in den Cellini hineinzuschreiben, jene wahrhaft erstaunliche Erklärung des Begriffes Freiheit, als welche sei: Gebunden sein an sich selber und an die höheren Mächte; nur nicht an seinesgleichen! — Nun immerhin — was jene Stunde anlangt, so halfen da ja keine Worte, und ihre Bestandteile waren, wenn nicht der Zustand, in den sie als Ganzes Dich versetzte, Dir eine untilgbare Narbe einbrannte, sicherlich nichtswürdig.

Womit es genug sei für diese Nacht. Allein noch eins. Doktor Birnbaum stellte fest, daß Knoop in München lebt. Suche ihn auf; ich hoffe, er wird Dich nicht abweisen. Man weiß ja nicht, in welchen Verhältnissen er lebt. Vielleicht ließen sich aus der Bekanntschaft mit ihm Vorteile von hohem geistigen, oder sei es auch von tatsächlichem Werte ziehn; vielleicht gehts ihm schlecht, und ihm muß geholfen werden. Kennst Du niemand, der Dich einführte? Ich denke, auch nur ein Besuch bei ihm müßte für Dich höchst gewinnbringend sein.

Dieser Brief erheischt naturgemäß, freiwillig, wie er sich einstellt, keinerlei Erwiderung. Du wirst genug mit Dir zu tun haben. Bleibe gesund, mein Junge, vor allem gesund, in diesem Wunsche gipfeln all meine Besorgnisse auch um Deine seelische Erhaltung. Eben kommt Mama herein und will ihren Namen darunter kritzeln — der Blinde zum Lahmen! Jagt mich ins Bett und ist selber nicht drin! Gute Nacht, Junge!