Dein
Vater
Papa und Birnbaum ‚wetteifern seit einiger Zeit einmal wieder in Nokturnos‘, wie Dein Freund Morgenstern sagt. Gute Nacht, mein Freund! Deine
Helene
Georg an seinen Vater
München am 19. November
Mein guter Papa:
Die Mama setzt einen doch immer wieder in Erstaunen! Ein einziges Mal im Leben habe ich ihr nun eine halbe Stunde lang Morgenstern vorgelesen — zu ihrem höchsten Vergnügen, kannst Du Dir denken! — und wie es scheint, hat sie ihn auswendig behalten und tritt glänzend damit hervor. Lieber Gott, was seid Ihr doch für zwei Menschen! Ich weiß, Papa, ich weiß, daß derlei Ausrufe die natürlichen, den Gefühlen gesetzten Schranken durchaus überschreiten, aber mögen sie einmal!
Erlaube im übrigen, daß ich mit einer leichten Verlegenheit die Feder ergreife. Auch sie ist, wie der Grund Deines vereinsamten und um so freudiger begrüßten Schreibens, aus mannigfachen Anlässen zusammengestückt, von denen ich ein paar herzählen zu dürfen bitte: Verbundener Kopf mit 37 Nadeln und einem Knochensplitter von drei Zentimetern (innerlich gleichwohl schon wieder klar; es war am Samstag!); ferner nicht unerheblich Deine Auslassungen über Korps usw. Alsdann ein Gewisses, eben schon Erwähntes, wovon gemeinhin unter uns nicht die Rede zu sein pflegt, — ich meine — Gefühle, und zwar sowohl solche Deines Briefes selbst — in und zwischen den Zeilen — als auch solche, mit denen ich ihn las. Und von diesen gestatte noch ein Wort, das anstands- und vorsichtshalber in der Bildersprache geredet sei. Nämlich:
Zwei Erinnerungsbilder erschienen mir während des Lesens mit besonderer Deutlichkeit nacheinander. Das eine aus dem ersten Jahr meines Altenrepener Lebens und aus dem Pragerschen Hause, — kurz: Benno bekam eine Ohrfeige von seinem Vater; Obertertianer waren wir; den Grund vergaß ich. Es war die erste dergleichen, die ich sah, und ich weiß noch genau, in welche Freundschaftsängste mich die zuversichtliche Einbildung versetzte, Benno scheide mit diesem Augenblick entweder für immerdar aus dem väterlichen Hause, oder aber jedes Gefühlsband zwischen ihm und dem Alten sei unheilbar zerrissen. Freilich — keines von beiden; es war nur meine erste — nicht Bennos erste Ohrfeige. Die letzte allerdings; ich glaube, mein Gesicht, als ich sie bekam, hat der Alte nicht vergessen.
Das andere Bild stellt Caligula dar, nicht den Kaiser, sondern Oberlehrer Karlchen Müller, den wir so nannten, weil Caligula Stiefelchen bedeutet, und so sah er aus. Im übrigen ehrten wir ihn äußerst, aus weiter keinem Grunde, als weil er, wenn er einmal etwas nicht wußte, die Gewohnheit hatte, zu sagen: Tscha, das weiß ich nu mal gleich nich; das muß ich erscht nachschlo’n. — Dies Zugeständnis der Unwissenheit machte immer von neuem tiefsten Eindruck auf uns.