Guter und großherziger Papa, muß ich noch Beziehungen aufdecken? Verwandtschaften und Gegensätze? Denn nicht umsonst bist Du ja der kluge Vater eines so begabten Sohnes und weißt, daß nichts den Glanz des Wissens derart zu vertiefen imstande ist wie die gelegentlichen und spärlichen Eingeständnisse des Nichtwissens; und weißt, daß kein Kaiser seinen Nachkommen tiefer in Beschämung zusammenrütteln kann, als wenn er ihn — als Kaiser, den kommenden, behandelt; als seinesgleichen.

Nun erst zum Besten, ja zu einer der kostbarsten Stunden meines Lebens, als die ich sie immer zu bewahren hoffe. Ich war bei Knoop. Es traf sich, daß ich bereits von Dr. Bödeker, dem Redakteur des Altenrepener Kurier, eine Empfehlung an ihn bekommen hatte. Ich zögerte noch, ihn zu behelligen, da kam Dein Brief, und ich ging.

Nein, leider, ihn uns zu verbinden, wird auf keine Weise gelingen. Ich fand — in einer schönen Bürgerwohnung — einen kranken Mann mittleren Alters, klein, gebrechlich aussehend, mit einem hängenden, schwarzgerandeten Kneifer, schlichtem, dunklem Haar, — und irgend etwas an ihm mutete mich japanisch an, was, kann ich nicht sagen. In seinem Gesicht aber fand ich — wenn es in seinen Augen zu rieseln begann und die Lippen sich über den sehr schlechten Zähnen verzogen — etwas Herrliches wieder: das Lächeln Maler Bogners. Hast Dus gesehen, Papa? Du mußt es gesehen haben! Ach, es war vielleicht noch kostbarer bei Knoop, denn — es war schmerzlich, und es war, als ob der tief aus innen quellende Glanz der vollkommenen Leidensgüte mich ganz überrieselte, wenn dieser kleine, kranke Mensch hinter seiner Stuhllehne stand — er bat gleich, seines Leidens wegen stehen zu dürfen — und hin und wieder zu seinen Worten lächelte. — Ja, der kann nun wieder nicht sitzen, — und ich hockte da in meiner Gesundheit und pries mich glücklich und dachte an Mama und an Dich, und daß irgendein furchtbarer Riß von Verkehrtheit in der Welt sein muß — — ja.

Er führte mich bald ins Nebenzimmer, wo ein großer, häuslicher Tisch war mit einem Samowar und großen russischen Teegläsern in schweren Silbereinsätzen, und am Tisch seine Frau, ein junges Mädchen, deren Zugehörigkeit mir dunkel blieb, und ein Gast, wie es schien ein Kaufmann aus Rußland. Auch seine Frau war verehrungswürdig, mit fabelhaft lebensvollen, klugen und guten braunen Augen in einem blassen, nicht eben schönen Gesicht, das aber ganz leuchtend war von prachtvoller Frauenhaftigkeit und tiefem Leben, — wohl hoch in den Dreißigern alt. An irgend etwas, über das wir sprachen, kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur an sein Lächeln. Und so gewiß es ist, daß es Lebensstunden des Übermaßes giebt, des Glückes, der Freude, die unvergeßlich bleiben müssen, so gewiß glaube ich zu fühlen, daß keine sich tiefer einbrennen kann, ja vor allem keine in späteren Jahren eine so leuchtende und herztröstliche Wiederkehr feiern kann wie diese stille, in nichts faßliche, die ich neben dem armen kranken Manne Gerhard Ouckama Knoop verleben durfte.

Deine Erinnerungen an unser, mir freilich höchst gewärtiges Reisegespräch haben ein zweites zutage gefördert, das ich aus Anlaß Deiner Briefäußerungen mit einem reizenden Menschen hatte: Ernesto von Riesa, bei uns i. a. C. B. — leider bereits! — studiert Literaturgeschichte vorwiegend, vollendet eben eine dickleibige Doktorarbeit über ein Thema aus der Theatergeschichte und hat vor, Intendant zu werden. Geruhe vielleicht, Dir den Namen zu merken. Einige aphoristische, oder besser fragmentarische Auslassungen, die unser Gespräch abwarf, und die ich zu Papier brachte — ohne mehr genau sagen zu können, auf wessen Kosten von uns Beiden dieses oder jenes darin kommt — füge ich bei.

Der Eintritt ins Korps war — seis gestanden! — soweit sich das heute schon übersehen läßt, nicht viel mehr als eine Eselei. Zwar bin ich zu Ausschweifungen äußerlicher Art höchstens nur in sehr sporadischer Form geneigt, und so hat es in diesem Betracht keine Gefahr, zumal, trotz Trinkzwang, wer sich in Ausschweifungen stürzt, dies auf eignen Trieb hin tut, — allein Zeitvergeudung ist auch ein Fehler, und hier haben wir ihn. Mich bestrickte der Anschein eines gewählten Kreises von gutgewachsenen, freundlichen und gesitteten jungen Leuten, die meine Lebensneigungen — in freilich so überraschender Weise zu teilen schienen, daß es mich hätte stutzig machen sollen. Nicht daß sie logen, natürlich! Vielmehr verfügen diejenigen, die den meinen entsprechende, also vorwiegend literarische Neigungen betonten, wirklich über etwas derart. (Es giebt ja heutzutage so viel gute Bücher, daß schon etwas dazugehört, niemals einem begegnet zu sein und diese Bekanntschaft am passenden Ort zu erwähnen!) Und da sie mich keilen wollten, holten sie alles hervor, was sie hatten, dieweil sie selber und zur Zeit besonders ganz andre Bahnen wandeln. Immerhin — Menschen fehlen — siehe Ernesto Riesa — nicht völlig, und Wert oder Unwert steckt, wie ja in keiner Sache selber, so auch nicht in dieser, sondern wird sich an mir zeigen, wenn ausgelöffelt ist, das heißt — nächste Ostern.

Der Schädel aber macht sich nun doch mit ein wenig Hitze bemerkbar. Nota bene meine zweite Mensur, da ich ja schon in A. gut fechten gelernt habe, was mir nun zugute kommen wird, dieweil ich so eher C. B. werde. Die erste endigte mit Abfuhr auf Gegenseite nach dreieinviertel Minute; dafür bekam ich diesmal einen härteren Gegner, alle Hiebe glücklicherweise auf den Kopf.

Nun innige Grüße an die arme Helene! In Ehrfurcht, Begeisterung und Liebe wie stets Dein Sohn

Georg

Einige Feststellungen über den Unterschied von aristokratischem und demokratischem Wesen