Der Unterschied von aristokratischem und demokratischem Wesen liegt im Besitz.

Besitz verleiht Macht, Macht verleiht Freiheit, Freiheit Sicherheit, Sicherheit Haltung und Haltung Adel. Besitz von Ämtern, Würden, Ahnen (von Vergangenheit), von besonderen, vereinzelten oder seltenen Eigenschaften, etwa ritterlichen Tugenden, von Menschen und von Erde.

Besitz von Erde: der schlichteste, weil natürliche; der tiefste, weil voll Geheimnis; der schönste, weil unendlich reich an Pflichten. Knoops Seebald Soeker: ‚Am adeligsten aber ist Bauernadel.‘ Denn das Leben des Bauern ist Beschäftigung mit dem ‚lebendigen Kleide der Gottheit‘. Durch seine Hände fließt alljährlich das goldene, mit dem Worte Gottes tausendmal eng bestickte Band des ausgesäeten Kornes.

Gleichwohl fand Bauernadel nur selten einen Ausdruck in Vornehmheit, in adliger Erscheinung und Gehaben, und zwar dies aus unterschiedlichen Ursachen, darunter vorzüglich: Abwesenheit einer hervorragend aristokratischen Eigenschaft, des Vertrauens. Der Adlige, sicher seiner selbst, verlangt, daß man sich auf ihn, auf sein Wort, seine Ehre verläßt. Sein Wort ward Eid. Er weiß, daß der Herr, dem er dient, dies tut, bringt daher das gleiche Vertrauen auch denen entgegen, die ihm dienen, bis zur Torheit, bis zur Tollheit. Auch hier Überlieferung, Wert des Gealterten, Vererbten: wie schon seine Ahnen dem Fürsten dienten, so dienten die Väter seiner Knechte seinen Ahnen, so wäre Mißtrauen entehrend. Beschützertum und Dienstpflicht sind beide undenkbar ohne Vertrauen. (Hartmann von Siebeneichen; Volksballade vom Knecht, der den Herrn erschlug.)

Aber der Bauer — solang er leibeigen war, übrigens ohne Besitz — ist zu doppeltem Mißtrauen genötigt. Mißtrauen gegen die Natur, durch die er lebt, deren Gunst oder Ungunst er niemals sicher ist, die ihn tausendmal enttäuschte, zu hintergehen schien; und Mißtrauen gegen den Menschen, Knecht und Magd, die nicht besitzenden Unfreien, die widerwillig schaffen, weil für den Herrn, nicht für sich selber, die deshalb unablässige Überwachung, unablässiges Mißtrauen erfordern. Mißtrauen ist ein Charakterzug aller Köpfe alter Bauern.

Der einzige Besitz, der nie und nirgend Adel verlieh, ist Geld.

Noch hat der Mensch nicht vergessen, daß zum Begriff des Besitzes Dauer und daher Eigentum, das Persönliche, unerläßlich sind, um ihn vollkommen zu machen. Folglich ist Besitz nur möglich im Geistigen und im Gegenständlichen, Irdischen. Geld gehört jedermann und wechselt unter jedermann beständig. Patrizieradel hat in andern Besitztümern seine Ursprünge, auch er zuerst in dem von Geschlechtsalter.

Zum Wesen des Nichtbesitzenden, des Demokraten, gehört das Streben, das Verlangen nach Besitz, also die Ansicht von unrechter oder ungerechter Verteilung — um der eigenen Rechtfertigung willen —, also Mißtrauen. Immer haftet ein Schatten demokratischen Wesens den Allzugeistigen an, jenen, die zwar erwerben, aber nichts besitzen, weil sie nichts schaffen.

Wurzel jeglichen Denkens allerdings ist der Zweifel. Was ich glaube, brauche ich nicht zu prüfen, zu untersuchen, zu durchforschen. Jegliche geistige Durchforschung aber ist gelenkt vom Streben nach irgendeiner Handgreiflichkeit, einem Bodensatz, einem Ende, einer Verwirklichung, einer endlichen Undurchlässigkeit für den rastlos bohrenden Gedanken. Der Allzugeistige nun findet immer Möglichkeiten, immer andre Sehwinkel und Aussichten, nirgendwo ein Aufhören, einen Halt, verwickelt in ein Gewebe unendlichen Mißtrauens.

Aristokratisches Wesen ist undenkbar ohne einen festen Zug von Beschränkung (Beschränktheit). Beschränkung = das Freiwillige; ich will nicht weiter. Beschränktheit = das Unfreiwillige; ich kann nicht weiter.