Wo aber andrerseits ein Geist nach geistigen Besitztümern unablässig strebt, tief bewußt des eigentlichen Eigentumes, nämlich des Strebens, da entstehen innerhalb so demokratischen Verfließens Ruhe, Freiheit, Vertrauen, Haltung, Sicherheit, Einsamkeit und Stolz, die alle vornehme Dinge sind. Wer nun der Meinung ist: im Anfang war der Geist, — der kann hierin den adeligsten Adel erblicken.
Zum Wesen des Aristokraten gehört Stolz, das ist das Empfinden der eigenen Seltenheit, der Vereinzelung, der Einsamkeit oder aber der Notwendigkeit für Andre. Die Welt muß aristokratischer gewesen sein vor der Zeit der Städte, als der Menschen noch weniger waren. Die Unsicherheit, die vielfache Not des Daseins schuf gleichzeitig Mißtrauen und Vertrauen. Mißtrauen so lange, bis eine Treue sich erprobt, eine Macht sich als verläßlich erwies. Dann vertraute der Bauer seinem adeligen Schirmherrn, dieser seinem fürstlichen Oberhaupt, ein für allemal, sein Vertrauen beweisend, indem er es auch auf Nachkommen und Erben fraglos übertrug, bis etwa deren Schwächung, deren verminderte Persönlichkeit ebenso wie zunehmende Macht des freiwillig Unterworfenen zum Mißtrauen zurückführten. Freiwillig — dies war und bleibt notwendig, denn Zwang in jedem Betracht ist die Wurzel des Zweifels.
Mißtrauen ist die Ursache der politischen Demokratie, des Verlangens nach Republik und Präsidentschaft. (Abgesehen von der Entartung, vom Verfall des Adels in Frankreich, hat deshalb auch nur dessen Fehlen — wie in Amerika — zur Gründung von Republiken führen können.) Vielzahl mißtraut der Kraft des Einzelnen oder der Wenigen, der Fähigkeit des Einzelnen, das allgemeine Gute und Nützliche zu erkennen und zu wollen. Vielzahl fühlt sich als Majorität, als überlegen.
Die französische Republik endete an demselben Tage, wo Der erschien, der stärker war als die Massen, weil er ihnen die Empfindung einzuflößen verstand, es sei für sie das Beste und Nützlichste, ihm zu gehorchen, wobei es in seinem Wesen lag, daß er ihre Neigungen nach Freiheit und Gleichheit — Emporkommen des Tüchtigen — aufnahm. Das französische Kaiserreich bestünde noch heute, wenn die Nachkommen Napoleons lauter Bonapartes gewesen wären. Denn das Volk ist nur dumpf; ihm ist die Form gleich, es will den Gehalt; gleichviel wie — es will gut regiert werden.
Der Deutsche, von Natur für Treue und Vertrauen gleichermaßen veranlagt (es sei erinnert an den übermäßigen Hang romanischer Völker zur Eifersucht), Treue auch in der Neigung zum Beharren, zum Konservativismus, zur Erhaltung des Überlieferten, das er lieber fünfzig Male verändert, ehe er es vernichtet, — der Deutsche haftet noch immer ganz und gar am dynastischen Gedanken.
Zudem glaubt er wohl, an geistiger Freiheit ein zu strahlendes und alle andern überwiegendes Besitztum zu haben, um nicht auf den Schein der politischen zu verzichten zugunsten des eingeborenen Vertrauens auf den angestammten, einst von Gott eingesetzten Herrscher.
Humor finden wir eher als Eigenschaft des Aristokraten als des Demokraten.
Schopenhauer legte als Ursache des Lachens (nicht des Humors) einleuchtend die Inkongruenz fest; Inkongruenz einer Tatsache oder Erscheinung mit dem Begriff, den wir, ob unbegründet oder begründet, von ihr haben. (Eulenspiegels Streiche.)
Humor ist die schwierige Kunst des vom Schicksal, von Not, von irgendeinem Unglück Heimgesuchten, zu lachen über die Inkongruenz seiner wirklichen Lage mit der, die er eigentlich für seiner angemessen, oder für ihn bestimmt, oder erhofft, oder erwartet hielt. So liegt Verzicht im Humor. Gelächter beendet, immerhin fürs erste.
Abenteurer, Vagabunden, leichte Vögel, die auf alles verzichteten mit Ausnahme des Rechtes über alles zu lachen, vornehmlich über sich selber, gewinnen in dieser letzten (Vogel-) Freiheit der auf nichts gestellten Sache, der Sicherheit des Nichts-zu-verlieren-Habens, stets einen Schein von Vornehmheit, von erlauchter Lebensführung, jedenfalls von, noch so lumpigen, aristokratischen Allüren. Aus der Erkenntnis des „Alles ist eitel“, der „vanitas vanitatum“, der Wertlosigkeit irdischer Güter sowie aller Bemühungen um sie, entsprang im Volke jene, mit Verachtung und Grauen ebenso wie mit geheimer Ehrfurcht gemischte Vorliebe für dergleichen Typen.