Da ich im übrigen annehme, daß Sie ein Mann und gesonnen sind, das Übel wie ein solcher zu tragen, interessiert mich in Ihrem Brief vor allem das geheimnisvolle Pfauenauge aus Takten und Reimen. Warum lassen Sie es nicht her zu mir flattern? Ach, Sie wollen nur, daß ich darum bitte, aber — herrje! Diesmal kam der Klaps zu scharf, und es hat Tränen gesetzt. Die Spuren finden Sie auf dem Papier, — daß Sie nicht etwa glauben, sie wären von mir! O Himmel, da habe ich ja auch gereimt! Ist es immer so leicht? Aber ich höre nun doch lieber auf und grüße Sie!

Leichtsinnig
Cora B.

Magda an Georg

Altenrepen, Güntherstr. 5, 19. Februar

Mein lieber Georg!

Wir saßen am Kaminfeuer, den Nachmittag und den ganzen Abend. Es war, als säßen wir in einer kleinen, feurig rot erleuchteten Höhle in dem finstern Berg der großen Halle, die wieder in der großen Dunkelheit lag, die draußen ist, und es war schauerlich behaglich! Renate las ihrem Onkel und mir und Josefs — ihr Vetter! — Kater — groß und gelb saß er mit steifen, grüngelben Augen dicht vor den Flammen, und sein dicker, buschiger Angoraschweif stand wie eine Straußfeder hinter seinem Rücken — ihren geliebten Hoffmann vor, den ‚goldenen Topf‘, der so wunderbar gruselig ist! — Aber ich mußte immer an Helenenruh denken, an die langen, einsamen Nachmittage nach Mutters Tode, und dann an die Weihnachtsferien einmal, wo Ihr alle da waret, und Deiner Mutter ging es so gut damals, daß sie uns Geschichten erzählte, weißt Du das noch? Wie alt mögen wir damals gewesen sein? Wir waren Kinder jedenfalls, und es ist schrecklich, o schrecklich lange her!

Der Winter dauert auch so endlos lange, und ich kann mir kaum vorstellen, daß einmal Sommer werden wird, wenn ich an den letzten denke. Soviel, soviel ist geschehen inzwischen, das ich vergessen habe, nur daß es furchtbar war, das habe ich behalten, und noch schaudert mich oft, wenn ich daran denke.

Oft denke ich an Dich, und was Du wohl für ein Leben haben magst, das glaub mir nur, wenn ich auch Dein liebes Weihnachtstelegramm nicht beantwortet habe. Ich weiß nicht einmal, wie ich dazu komme, Dir heut zu schreiben, aber auf einmal hatte ich die Feder in der Hand, und nun stehn da schon viele Worte.

Bald bin ich nun schon sieben Wochen bei meiner Freundin Renate; ich fürchte mich ein wenig vor Helenenruh, und da ich Papa kenne, so weiß ich, daß er mich nicht vermißt, wenn er mich immer wieder ermahnt, hier zu bleiben. Ich habe auch meine Stimme prüfen lassen und seit einiger Zeit Unterricht. Sie soll sehr schön sein, — ja, ich wundere mich manchmal selbst über ihren Klang, so tief und stark ist er — Alt, weißt Du —, als wäre gar nicht ich das, die da singt, denn es klingt traurig, und ich bin eigentlich immer vergnügt. Wir machen den halben Tag Musik; Renate, mußt Du wissen, hat eine Orgel, eine richtige, in einer richtigen kleinen Kapelle, die im Garten steht, und es ist so wunderbar, in der dunklen Kälte draußen zu stehn, wenn die drei hohen gotischen Fenster milde gelblich leuchten, und drinnen das seltsame Brausen umgeht, als wäre eine dunkle, summende Geisterversammlung dort, und tönende, lichte Engel gingen umher und verteilten köstliche Speise. Die meiste übrige Zeit verbringen wir bei der Schneiderin, denn ich brauche eine Unmenge Sachen, und immer giebt es Zank mit der Schneiderin wegen der allzu engen Röcke, die sie einem am liebsten um die Füße zusammenschnürte. Da giebts viel Gelächter, und das kann ich wohl brauchen.

Jason al Manach, denke Dir, ist noch immer in Helenenruh. Papa hat ihn sogar aufgefordert, ins Verwalterhaus zu übersiedeln, und er läßt sich ja alles gefallen. Papa schreibt, er wäre ja totsicher verrückt, aber es wäre eine angenehme Art — er erzählt nämlich immerzu Geschichten, — ach, Du weißt ja von alledem nichts, aber wenn ich anfange zu erzählen, dann ist es soviel, und tausend schwere Dinge stehn wieder auf, so daß ich lieber still schweige.