Hast Du Maler Bogner gesprochen? Hast Du seine Bilder gesehn? Vor einigen Tagen kam meines; es ist so wunderbar, daß ichs gar nicht begreifen kann. Ich bins ja nicht, die er da gemalt hat, obgleich es mein Gesicht ist. Du wirst es selber sehn, denn ich muß es ihm zurückschicken, weil er es kopieren will.

Nun leb wohl, lieber Georg! Viel liebe Grüße von Deiner

Anna

Georg an Magda

München, Schwabenkorpshaus, Aschermittwoch

Liebe Anna:

Es steht eine heilige Wand in dieser Stadt, eine heilige, selig machende, sündenvergebende Wand. Ein Haus ist um sie gebaut mit andern, ähnlichen Wänden, aber keine von ihnen hat die Kraft der einen, — man nennts: alte Pinakothek. Vier Bilder sind an ihr zu sehn, zwischen denen Auge und Seele schwankt und, von einem Entzücken ins andre stürzend, nicht weiß wohin vor grenzenloser Wonne. Die Madonna im Rosenhag von Francesco Francia ist das erste rechter Hand; daneben das zweite ist Raffaels heilige Familie (aus dem Hause Canigiani); das dritte ist Peruginos heilige Jungfrau, das Christkind verehrend, zwischen dem Evangelisten Johannes und St. Nikolaus — alle drei stehen —; und das vierte linkerhand ist Peruginos Madonna, die dem heiligen Bernhard erscheint. Das ist der vierarmige Leuchter der dreieinigen Gottheit: Schönheit, Frömmigkeit, Reinheit. Da erlischt die Welt, ganz leer wird das Herz, die Zeit steht still, der Geist Gottes schwebt über den Tiefen. Wenn ich nur daran zurückdenke, jetzt, jederzeit, zittert mir das Herz.

Raffael sah ich zuerst, damals als ich kam vor Monaten, vom weiten schon, und erschrak, noch ohne zu wissen, was ich sah, so sehr, daß meine Augen wegirrten. Da trafen sie auf Peruginos Madonna zwischen den Heiligen. Mir stand das Herz still. Ich weiß nicht, wie lange ich hinsah; schließlich merkte ich, daß ich schon lange das Bild von Francia betrachtete. Nun begriff ich nichts mehr; es war, als ob, wohin ich die Augen wandte, immer der eine Gott vor mir stünde, unweigerlich, allgegenwärtig. Und da mußte ich die Madonna sehn, wie sie dem heiligen Bernhard erscheint. Da lächelte derselbe ernste Gott, und ich wußte: er ist unendlich.

Ich saß dann still vor der heiligen Wand, und auf einmal merkte ich, daß ich an Dich dachte. Ich kann Dir die Bilder leider nicht beschreiben, vielleicht aber bekomme ich eine gute Nachbildung des Bernhardbildes, denn an Dich erinnerte mich die Madonna, was Du freilich nicht wirst begreifen wollen, weil sie dunkel ist, bräunlich wie alle Madonnen und Heiligen Peruginos (es war immer das gleiche Mädchen, das er malte), und doch mußte ich an Dich denken.

Ach, ich muß noch mehr von den Bildern reden. Von den andern ist mir wohl der zweite Perugino der liebste, vielleicht deshalb, weil es ein unglückliches Bild ist. Wie die Figuren äußerlich unverbunden nebeneinander stehn, so haben sie auch jeder ein eigenes inneres Leben, jeder für sich, und es klafft da etwas, besonders wenn man Raffaels, wie immer in ein Dreieck komponierte heilige Familie daneben sieht, in der eine so unsagbar liebevolle Einigkeit von Zueinanderbeugen und Ineinanderschmelzen vor sich geht, daß es wie der sanfteste Wirbel ist, der in die tiefste Andacht hinunterzieht.