Nein, nun nichts mehr von den andern Wunderdingen in diesem Hause, nichts von Dürers Selbstbildnis, nichts von seiner Beweinung Christi, dieser Glorie seliger Farben um die Leichenfarbe des Gekreuzigten, nichts von der Madonna Tempi, von der andern Peruginos, von der Francias, von Altdorfers Geburt Mariä — Kircheninneres mit einem mächtigen, um drei Pfeiler geschwungenen, dunkelfarbenen Engelskranz —, von Sebastiano del Piombo, von Stefan Lochner und Dierick Bouts, von den alten deutschen Meistern, von Rembrandt und Ruysdael, Pacchia und Holbein, — denn in einer Stunde geht mein Zug nach Wien.
Nämlich Aschermittwoch ist heute, — o glückliche Seele, die nicht ahnt, was das bedeutet! Und als ich, ein wenig getröstet, aus der Pinakothek heimkam, so lag Dein Brief auf dem Tisch, und da: konnte ich einfach nicht mehr, beschloß auszureißen, erinnerte mich Giorgiones in Wien und fahre kurzerhand dorthin. Warum solche Verzweiflung? Ach, das erzähle ich Dir vielleicht mündlich, es lohnt sich nicht, davon zu schreiben, und in zwei Monaten hats ja ein Ende. Du hast wohl gehört, daß ich aktiv geworden bin. Nun, das ist alles. Falls Dir zufällig ein — literarisch unbeschreibliches — Buch namens ‚Hellmut Harringa‘ in die Finger geraten sollte, so wirst Du darin die Beschreibung einer Kneipszene finden, die Dir genug sagen wird.
Lebe wohl, ich schreibe bald wieder! Hab tausend Dank, daß Du schriebst, ich bin heilig froh, daß es Dir nun gut geht! Nichts von mir! ich wußte Dir nicht besser zu danken, als daß ich Dir von den Bildern schrieb. Von Herzen Dein
Georg
Ja, noch etwas in Eile. Du erinnerst Dich an Pragers, bei denen ich wohnte, und an meinen Schulkameraden Benno, den Komponisten. Sein Vater hat es tatsächlich fertigbekommen, den armen Jungen in eine Bank zu stecken, da er zu keinem Studium Neigung hatte, und das der Musik verbot der Alte. Nun sitzt er unglücklich und allein in Altenrepen, und da ich höre, daß Ihr viel musiziert, so möchte ich Dich und Deine Freundin bitten, ihn bei sich aufzunehmen. Ich schreibe ihm sofort, daß er Besuch machen soll. Er ist das schüchternste, gütigste, reinste Wesen von der Welt, zum Sterben menschenängstlich, aber wenn man ihn zwingt, so giebt er nach, es ist ihm nicht gegeben, zu widerstehn, er würde dem Teufel aus reinem Mitleid mit seiner Teuflischkeit seine Seele schenken. Sei gut zu ihm, als ob ich es wäre! Ich und auch Papa haben ihn vergebens halb tot geschlagen, daß er seiner Wege geht und auf Papas Kosten Musik studiert, aber seine Mutter ist krank, eine armselige, törichte Frau, und solange sie lebt, will er nicht gegen ihren Willen handeln. Hab tausend Dank!
G.
Wien, abends am 22. Februar
Natürlich! da habe ich in der Hast der Abreise richtig vergessen, den Brief in den Kasten zu werfen, und nun ist er mit nach Wien gekommen. Mir nicht ganz unlieb, denn nun kann ich Dir zum Triumph Peruginos noch den Triumph Giorgiones hinzufügen, und zwar in spannendster Steigerung über Tizian, van Dyck, Velasquez, Moretto und Breughel (!!!).
Du fragst gewiß, warum ich nicht lieber nach Altenrepen gekommen bin, aber siehst Du, Kind, von den abscheulichen Dingen, mit denen ich zurzeit belastet bin, wird am besten geschwiegen, denn all das ist meine eigene Schuld, und am besten beißt man die Zähne zusammen und lauert aufs Ende. Dann hat man eher ein Recht, es sich auch von der Seele zu reden, nachdem man es schon heruntergehoben hat.
Nichts von dieser Stadt. Von ihr läßt sich alle Tage reden. Das Ewige dagegen bleibt immer unwahrscheinlich, man muß ihm Hymnen wie Ketten und Netze überwerfen, um es zu halten, um es zu glauben. Nur in unsern Gebeten leben die heiligen Dinge, nur in der heiligen Handlung wird das Brot Gottesleib. Nur wenn ich fühle, atmet der Gott, der um mich ist.