Und es heißt auch dieses Glück.

Georg

Georg an Benno Prager

Wien, am 23. Februar

Im Leben der Liebe, teuerster Benno, giebt es Augenblicke von seltener Fragwürdigkeit, — wie zum Beispiel den, wenn die Geliebte in einem kurzen Hemde von seltsamer Birnenform dasteht, die seltsam gespaltene Hose wie einen Danaidensack vor sich offen hält, zuerst mit dem linken Bein hineintappt — bzw. mit dem rechten, je nach der Drehung ihres lieben Charakters — alsdann mit dem andern, hierauf das Ganze vorn hochzieht und mit einer seltsamen Gebärde hinter sich das Hemde hineinwischt ...

Erschrick nicht, mein Benno, dies ist eine Beobachtung und kein Kynismus. Frauen haben seltsame Obliegenheiten zu erfüllen. Ich würde aber ins Uferlose geraten, wollte ich fortfahren, da mir eben männliche Unterhosen einfallen, in denen man wie ein Peijaz aussieht. Du, Benno, wirst vorgeben, daß niemand da wäre, den Peijaz zu sehn, aber es könnte doch Feuer auskommen! Trage deshalb lieber wie ich kurze weiße Leinenhosen mit langen schwarzen Strümpfen! Gleichwohl war es nicht dies, was ich Dir mitzuteilen gedachte, vielmehr das folgende: Von meiner Freundin Anna Magdalena, genannt Magda Chalybäus, höre ich, daß sie sich seit einiger Zeit in Altenrepen bei einer Freundin aufhält. Damit Du sie kennen lernst, und besonders weil ich vermute, daß Du Deine Tage verbringst in künstlicher Igelform, mein altes liebes Lamm, das Du bist, wirst Du Dich — bei meiner Ungnade! — stracks mit Deinem schwarzen Examensgehrock bekleiden, Dich in die Güntherstraße 5 in Waldhausen begeben und nach meiner Freundin fragen. Du bist bereits gemeldet. Die Leute heißen Montfort, und Magdas Freundin soll eine musikalische Leuchte sein. Also! —

Womit von Rechts wegen der Zweck dieses Briefes erledigt wäre. —

Vorwurfslos, wie es die angeborene Christlichkeit Deiner Seele bedingt, hast Du mein langes Schweigen und die kargen Kartenrufe ertragen. Ohne Scherz, lieber Freund, mein eigenes Verhalten hat mich genugsam geschmerzt, und doch war es nicht zu ändern. Der alberne Schlamassel, in den ich hineingeriet, machte mich unwirsch im Anfang, setzte mir Zotteln an die Seele, die ich nicht abzuschlenkern verstand, und so ward aus Wochen und abermals Wochen bald ein halbes Jahr, ohne daß ich Dir gegenüber treten konnte, wie sichs ziemt, reinlich, — ach, Du verstehst es ja! Nun sitze ich an einem nassen Winterabend in einem öden Hotelzimmer dieser Stadt von steinernen Schluchten (sogar die hineingehauenen Häuser behielten innerlich ein Skelett von steinernen Treppen!), die, wie mir scheint, bei ihrer Begründung nicht mit dem Winter rechnete, — sitze ich, wie gesagt, plötzlich unfähig, mich zu bewegen, nur einen Schritt nach außerhalb zu tun, z. B. ins Burgtheater, um die Musik zum Egmont zu hören. So kam denn der Augenblick, wo ich mich an Deine treue Brust stürzen muß, um männliche Tränen zu weinen.

Ja, nun — —

Nimm an, ich sei im vollen Zuge dabei, und da fragst Du nun mit erbarmender Stimme: Ja, was ist denn eigentlich los? — Ich weiß es nicht, Benno, ich weiß es bei Gott nicht, denn zu sehen ist nichts, gar nichts, geschehen ist auch nichts, bloß daß ich für den Augenblick nicht mehr konnte, das steht fest.