Wie wärs mit der Beschreibung eines Tageslaufs aus meiner derzeitigen Daseinsepoche? Laß sehn:
Aufstehen morgens gegen acht, in eine wartende Droschke hinein, bloß mit Nachthemd, Hose und Überzieher bekleidet, und zum Paukboden. Daselbst eine Stunde Arbeit mit Schläger und Säbel bis zum Schweißtriefen, und der bis dahin dumpfe Schädel ist licht und frei. Droschke, nach Hause, Bad usw. Um elf Uhr, das mittlerweile herankam, Frühschoppen, der sich hinzieht unter Wiederholung der nämlichen drei bis sieben Redensarten wie: Prost! Saufs doppelt! Päng päng! Das kann man wohl sagen! (Auch: das kann man wohl sagen!) Weils gleich ist! und: In die Kanne! — hinzieht, wie bemerkt, bis zum Mittagessen, an das sich die Kaffeehaussitzung anschließt — bis gegen drei, auch vier Uhr. Am Nachmittag giebts eine Ehrenratssitzung, oder einen Besuch, oder Schlittschuhlauf, oder eine Spazierfahrt. Oder ich lese. Ich habe so viel gelesen, daß ich krank davon bin. Vom ganzen Dostojewsky fehlt mir nun bloß noch der ‚Jüngling‘. Alles bisher noch Unbekannte liegt nun hinter mir, viele Bände Balzac, Titan, Hesperus und die erhabenen Flegeljahre, viele Bände Strindberg, die Studien Stifters, Fielding, Thackeray, Stendhals Chartreuse, Jakob Wassermann, Salambo und Bovary und noch drei Mal soviel. Ich habe festgestellt, daß meine Durchschnittsgeschwindigkeit, die, wie Du weißt, immer bedeutend war, nunmehr genau hundert Seiten in der Stunde beträgt, also einen Durchschnittsroman am Nachmittag. Meist freilich, das heißt die letzten Wochen verbrachte ich die Nachmittage im Sofa mit nichts als der treuesten holden Freundin des Daseins, der Zigarette. Selten ein Gedicht und kein gutes. Nun der Abend. Das ist verschieden. Montags Konvent, Dienstags Spielkneipe (Filzlaus und andre Würfelspiele, da der Anblick von Spielkarten mich in tödliche Langweile versetzt, dazu schweigsames Anhören des Absingens der, an diesem Abend offiziellen Zotenlieder, es geschieht von wegen der Abhärtung, weißt Du). Mittwoch frei, Donnerstag Augustinerbräu, Freitag irgendein andres Bräu, Samstags große Kneipe. Und an jedem Samstag von früh bis tief in den Nachmittag hinein eine Mensur nach der andern, zum Verrecken, wäre nicht ab und an das fragwürdige Zwischenspiel einer Säbelkontrahage. Ich selbst habe meine fünf Mensuren hinter mir, davon zweimal p. p., und bin zum a. C. B. rezipiert. Anmerkung: die Bräuabende verlaufen wie der Frühschoppen; der Nachttopf vom Ganzen ist der Konventabend, (beiläufig: hast Du auch so eine Abneigung gegen Nachttöpfe? Ich schmeiße sie raus, wo ich sie finde!) das heißt die Beratungen über innere und äußere Korpsangelegenheiten, Stiftebiere, Rechnungsablage, Dechargierungen, Mensurbeurteilungen usw. Ausschweifungen Notabene verüben sich auf eigne Faust, im Plan liegen sie nicht. Nur an Samstagen ist die Duhne offiziell, sonst verlädt man seine fünf Liter im Leibe in ein Droschkon und zockelt heim. Fünf Liter von diesem leichten Bier trinken sich angenehm. Ich habe zehn Kilo zugenommen. Wirds einem mal zuviel, geht man ans Becken und speit sie von sich.
Ecco, wie Knallfred Err sagen würde, ich habe es bis hierher gelöffelt und werde es auf die Neige löffeln. Nur ein einziges Mal schlug der Betrieb mir überm Kopfe zusammen, nämlich als ein Korpsbruder die Benediktinerflasche über einige, eben von mir erworbene Luxusdrucke ausleerte unter der Begründung, er fühle sich dadurch angeödet, worauf ich ihm eine hineinknallte, die meinem lieben Herzen wohltat. Es waren unersetzliche Sachen darunter, jedoch nicht deswegen! Es war mir bei Gott ein Schwert durch die Seele gefahren, — kurz, es war mein Leben, was das Schwein besudelte. Nun, die Geschichte ließ sich beilegen, ich befinde mich — oh schöne Folgeerscheinung! — für vierzehn Tage ‚im Schwarzwald‘ und entfloh nach Wien, — freilich höchst verbotener Weise, doch kann das die Dimission höchstens um zwei Wochen verlängern.
Ich will doch zur Schlußmusik vom Egmont gehen, Benno, und hören, wie er sagt: ‚Kind, Kind, die Sonnenpferde der Zeit ...‘ Meine Seele grinst mich nun von diesen Blättern an, leider nicht wie ein abgelegter Schlangenbalg, sondern nur wie eine Maskenfratze, die ich wieder vornehmen muß. Aber für eine Weile spürte ich doch die Erleichterung vom schmerzlichen Druck der Gummibänder hinter den Ohren. Habe Dank, lieber Geduldiger, daß Du die Maske so lange hieltest! Weine nicht und gieb sie wieder her! Grüße die Anna und freue Dich mit mir auf Ostern und das nächste Semester Altenrepen. Ich habe wahrhaftig Heimweh nach den alten Straßen. Lege mich zu Füßen der Frau Mama sowie des Fräuleins Schwester und verbleibe mein Freund!
Georg
Georg an Cora
Am 24. Februar in Wien
Schaumgeborene!
Aus Wien, wohin ich gefahren bin, melde ich mich bei Ihnen mit der Versicherung meiner vollkommenen Untröstlichkeit über die Verrenkung Ihres Fußes!
Und nun sagen Sie bitte: Können Sie noch schnöder? Freilich ist zu merken, daß Ihr letztes Anschreiben unter Verteilung von Klapsen verfaßt wurde. Danke bestens! Mit Geduld und Spucke lassen vielleicht Mucken sich fangen, niemals aber Schmetterlinge mit Klapsen. Teuerste Bürgerin im Kanapee, Ihr Behagen möge so unendlich sein wie zwischen uns die vorhandene Ferne! Sollten Sie Wert darauf legen, es zu wissen, so will ich festzustellen versuchen, ob der Vorhang, den Ihr zufriedener Genius zwischen uns zog, aus Fries besteht, aus Kattun oder vielleicht einer Wäscheleine voll Barchentröcke.