14. März

Teuerste:

Das Semester geht zu Ende, Ende des Monats fahre ich heim, und im nächsten Semester sieht München mich nicht wieder, — sondern? Altenrepen nahe Beuglenburg! Nein, sehen Sie: das, worunter ich hier leide, sind nicht eigentlich Leiden der Seele und des Herzens, sondern des Geistes, nicht Schmerz ists, sondern Empörung, Wut und Ohnmacht über die schändliche Vergeudung, die unsre Jugend mit ihren besten Kräften treibt, da sie sich zwar zur Erziehung zwingt, aber nur zu der allerrohesten und gemeinsten einer — beiläufig vollständig sinnlosen und illusorischen — Abhärtung durch Saufen und Stumpfsinn, so daß man wirklich in Verzweiflung geraten möchte, wenn man dies ihr Ideal eines glattgehobelten Pfahles betrachtet und dagegen die blühende Möglichkeit geistigen Wachstums, Adels und der Reinheit, zu der sie erzogen werden könnten! Ist es nicht haarsträubend, wenn man es sich sagt: zum Stumpfsinn, zum Toben, zum tiefsten Elend der Betrunkenheit darf ich mich erziehen lassen, nicht aber zur Arbeit, zum Lesen guter Bücher, zum Begreifen aller Schönheit in Kunst und Natur! Daß ein Begriff wie völlig nicht vorhanden in der Welt scheint, nämlich der Begriff eines ‚noch mehr‘, das ist das Elend. Adel haben sie ja —, arbeiten müssen sie das ganze Leben, also giebt es in den sogenannten ‚freien‘ Jahren keine seligere Freiheit, als auf den Tisch zu hauen und den triumphierenden Vers zu brüllen:

Über den erzieherischen Wert des Korps sprach der A. H.

Stürzbesoffen waren sie allda.

Na, da hab ich nun glücklich doch davon geschrieben. Also Sie haben nun eine Vorstellung meines seelischen Zustandes. Übrigens habe ich einige schöne, fast möcht ich sagen, glückliche Wochen hinter mir und mich in einem wahren Sturzbad von Natur, Theater, Konzerten und abermal Natur etwas gereinigt. Das dummste ist, daß ich versehentlich an ein Säbelduell geraten bin, — ein törichter Abschluß des Semesters. Bisher ist mein Gesicht ja Gott sei Dank verschont geblieben. Wenn ich mich aber mit dem schweren Säbel nicht sehr gut vorbereite, kann das niedlich werden. Es scheint zwar, als ob sie auch für mich die sonst nur für königliches Geblüt geltende Instruktion durchgeführt hätten: mich nur auf den Kopf zu schlagen, aber mit dem Säbel wird sich das schwer durchführen lassen, und da bin ich auch so, daß, sobald ich dergleichen merke, losgehe wie der Satan.

Ach Kind, ach Kind, was ist das alles! Und geht es Sie etwas an? Doch Ihr Brief tat mir wohl; obgleich ich so lange Zeit verstreichen ließ, ehe ich ihn beantworte, werden Sie es mir glauben. Aber verstehen Sie dies Gefühl der seelischen Unsauberkeit, das nun seit geraumer Zeit schon keinen Augenblick von mir weicht und mich fast unfähig macht, das zu berühren, was man eine Seele nennt? Wie würde es Ihnen gefallen, wenn ich Ihren Salon beträte, nachdem ich soeben einen großen Morast durchwatete? Sollten unsre Seelen weniger auf Anstand halten? Aber ich brauche Sie und — — aber lassen Sie die Gedichte für mich reden! In ihnen bin ich reinlich. Sehen Sie sie für Kerzen an, ich bitte, stellen Sie sie rund um Ihren Spiegel auf, setzen sich schön davor und erkennen sich glitzernd beschienen wie eine Madonna von Botticelli. Mögen Sie?

Ihnen im Herzen ergeben

Georg

An die Entfernte