München, den 9. März

Meine gute Anna:

Hier, ich begehe eine teuflische Indiskretion und überreiche Dir einen an mich gerichteten Brief jenes Benno P. Es ist mir schlechterdings unmöglich, ihn Dir vorzuenthalten.

Hast Du gelesen?

Ja, da siehst Du, was Ihr angerichtet habt! Lege mich dem Fabelwesen Renate gütigst ganz gehorsam und untertänig zu Füßen, und sie habe mich ihr auf das tiefste verpflichtet durch die wunderbarliche Verwirrung, die sie im Herzen meines lieben Freundes angerichtet habe!

So aber ist er nun, und immer sieht man doch wieder, daß man sich täuscht in diesen guten Bennoleuten. Im siebenten Jahr kenne ich ihn nun, kenne ihn wie gewiß niemand sonst, und wie keine steht mir seine lange und magre Gestalt, dies magre Gesicht mit den schwermütigen Augen, der langen, schwermutvoll herabgekrümmten Nase über dem früh gewachsenen, hängenden rötlichbraunen Schnurrbart vor Augen in ihrer ganzen Unbedarftheit, Hülflosigkeit und Seelenfülle, und so vergaß ich darüber denn völlig den Glanz seiner hohen, fliegenden Stirn unter dem zurückgestrichenen, langfallenden Haar und diesen, doch so oft gesehenen Schillerischen Zug von Kühnheit, Schwung und Adel, wenn er den Kopf zurückwarf und das Haar, um von Kostbarkeiten des Lebens zu schwärmen. Vergaß es und dachte, als ich Deinen Brief, der vor dem seinen kam, las: es muß sie doch immer frieren an ihrer Seele, diese armen Bennoleute. Sie zittern bei jedem Lufthauch wie die geschorenen Lämmerlein, sie sind so unendlich kostbar in unserer windigen Welt, und man sollte sie hüten wie die allerzerbrechlichsten Ziergläser, weil sie so selten sind. Und nun, wenn man sie selber hört, so verhält sich alles ganz anders. Wo unsereiner sie in der allerpeinlichsten Verlegenheit und in Todesnöten glaubt, da stehen sie mitten im Wunder! Ach, man sollte sie in Kirchen hüten wie Reliquien und sie verehren, — aber nun ist es so, daß sie einem immer zuvorkommen. Du möchtest ihrer einem etwas recht Dankbares und Liebes sagen, so hörst Du sie im selben Augenblick sprechen: Wie edel bist du doch! — Hat er nicht von mir gesagt: Georg, — das ist solch ein edler Mensch! — Hat er nicht? Ich sehe ihn ja, wie er seine schwermütigen Dichteraugen aufschlägt und sich krümmt in seiner Magerkeit und seinem schlechten Rock und seiner übergroßen Inbrunst! — Und dennoch sieh: obgleich sie immer zittern und immer ängstlich sind, so sind sie doch die Behüteten. Es sind immer nur Möglichkeiten, vor denen sie schaudern, Wirkliches aber, wirklich Gemeines und Böses kann gar nicht an sie heran, weil sie es einfach nicht sehen; es fehlt ihnen das Organ dafür, — versteh mich wohl, ein Mensch wie Benno ist ja nicht dumm und weiß vom Hörensagen immerhin, wie es in der Welt aussieht, und Du wirst ihn schon bald einmal über die Boshaftigkeit der Welt in eine furchtbare Standrede ausbrechen sehn, aber gieb acht, wie er hinterdrein alles zurücknimmt und für alles einen Entschuldigungsgrund findet; und diese Verzeihung hat er schon zuvor bei der Hand, wenn etwas Gemeines sich gegen ihn richtet, denn diese Menschen sind magnetisch für Gutes und Edles, und durch eine chinesische Mauer von Schmutz und Niedrigkeit lassen sie sich von einem eingebildeten Sandkorn der Güte anziehn, das ihnen alle Verzeihung birgt, denn dies ist die Pflicht, die ihnen auferlegt ist. Weißt Du, was sie sind, kleine Anna? Christen sind sie. Wirklich, es giebt etliche in Europa.

Genug! Von mir nichts! Kehre zum Eingang dieses Briefes zurück und erfreue Dich an der daraus sprechenden schönen Wallung meiner betrübten Seele. Sei gut zu Benno, ich lege ihn Dir ans Herz — Deiner Renate mich bitte zu Füßen! — Vergiß mich nicht, sei ohne Sorge, schreib aber lieber nicht mehr, es würde mir nur das Herz schwerer machen, denn jetzt kommen ‚die alertesten Tage‘ vom Semesterende, die müssen durchgehalten werden.

Leb wohl!

Dein
Georg

Georg an Cora