Ein Brief! Ein wirklicher Brief von Dir! Und wie Du Edelmütiger mich wieder darin beschämst! Nicht nur mit Worten, indem Du Dein langes, meiner Selbstsucht freilich schmerzliches Schweigen entschuldigst, sondern vor allem wieder mit Taten, da Du doch trotz Deiner traurigen Lage Zeit fandest, an mich zu denken und für mich zu sorgen! Ich bin nun sehr traurig, Georg, daß Du so fremde Dinge durchzumachen hast, — auch in Liebesdingen scheinst Du ja merkwürdige Abenteuer erlebt zu haben —, ich denke aber, Dir selber wird es das liebste sein, wenn ich auf all das schweige. Womöglich könntest Du Dich bemitleidet fühlen, was, wie ich Dich kenne, das Allerschlimmste für Dich wäre. Dafür erzähle ich Dir lieber von dem Wundervollen, das ich Dir verdanke, dem Märchen, in das ich mich durch Dich nun versetzt glaube, denn noch immer scheint es mir, als wäre alles ein Traum, das Erste und alles Folgende, daß ich nun in dies kostbare Haus zu Deiner Freundin und der ihren zugelassen bin, diese edlen Frauen selber, deren Umgang ich genießen darf, — aber nein, höre nur den Anfang, er sagt alles!
Ja, acht Tage hat es freilich doch gedauert, bis ich die angeborene Furchtsamkeit, an der ich nun einmal leide, und die Menschenscheu und Vereinsamung, die sie seit langer, ach, so langer Zeit nun schon vermehren, abzuschütteln vermochte und mich nach der Güntherstraße auf den Weg machte. Als ich dann das prächtige Patrizierhaus in seiner ehrfurchtgebietenden Zurückhaltung hinter den verschneiten Zweigen seines Vorgartens liegen sah, entsank mir doch wieder der Mut; die Hand auf der Klinke des hohen Eisenportals stand ich lange, bis ich erschreckt meiner eigenen Körperlänge inne wurde, deren Schmalheit andrerseits doch nicht genügte, mich hinter den eisernen Lilien des Tores zu verbergen, und so ging ich den Gartenweg bis zur Haustür, um dort — zu meiner rechten Erleichterung — von einem lieben, alten Diener zu hören, die Damen seien nicht anwesend. Er bat mich aber um meine Adresse, und siehe da, schon am andern Morgen brachte meine Schwester triumphierend ein Brieflein, von zierlicher Mädchenhand mit meinem Namen beschrieben. ‚Lieber Herr Prager‘ schrieb Deine Freundin, und ich war wieder einmal erstaunt und entzückt von dieser Schlichtheit der Vornehmen, die sich nicht mit ‚sehr geehrten Herren‘ usw. das Leben steif und sauer machen. Und wieviel zuversichtlicher ich drei Nachmittage später, wohin ich ‚zu einer Tasse Tee‘ bestellt wurde, die Klingel zog, kannst Du Dir denken. Diesmal wars ein weibliches Wesen, das mir öffnete, ich ließ ihr meinen Mantel und wurde von ihr in eine weiße Tür hineingelassen.
Und da begann nun das Wundersame! Es dämmerte bereits, als ich kam, und nun befand ich mich in einer mächtigen Halle, verdunkelt durch eine breite Veranda, die durch eine Glastür und die Fenster zu sehen war, und draußen lag ein großer und schöner Garten in weißer Winterstille. Ein helles Feuer brannte aber von gewaltigen Buchenscheiten im breiten Kamin, an der Wand den Fenstern gegenüber, und davor saß eine große, gelbe Katze, ganz unbeweglich, hatte ihren buschigen Schweif hinter sich stehn, streifte mich nur mit einem glimmenden Blick und fuhr fort, ganz steif die glühenden Augen in das Feuer zu richten. Ihr Schatten, ganz groß, bewegte sich so merkwürdig hinter ihr, — ich dachte wahrhaftig, es sei eigentlich ein Mensch! Es war wie bei E. T. A. Hoffmann. Schöne, tiefe Sessel standen überall umher, an den Wänden hingen altertümliche Gemälde mit Jagden und Nymphen, soviel ich im Dunkel dort oben erkennen konnte, es blieb ganz still, und überall waren Türen zu dunklen und warmen Gemächern offen.
Wie ich aber noch stehe und nicht weiß, ob ich mich vor dem großen Tier nicht doch lieber verneigen soll, so beginnt auf einmal die wunderbarste Musik. Ein Harmonium schiens, gedämpft und von fern, aber die Töne waren so voll und brausend, die Stimmen so zahlreich, daß ich doch an eine Orgel zu glauben anfing. (Es war auch eine!) Da trete ich unabsichtlich der Glastür näher, und was sehe ich? Etwas links im Garten sind drei geheimnisvolle, hohe und schmale Bogenfenster erleuchtet; eine gotische kleine Kapelle ists! Wie mir da war! Ich glaubte ja verzaubert zu sein! Ich stand und lauschte nur, ich kam gar nicht auf die Frage, weshalb man mich hier allein ließ, der schöne Name Montfort, den ich überm Hauseingang las, flügelte so durch mich hin, auf einmal stand das magische Tier auf, kam zu mir und strich leise murrend an meinem Schienbein her, wobei es den Kopf zu mir hochhob und sein Rücken so hoch und krumm wurde wie ein Bogen. Kein Ende nahm die rauschende Orgelflut, und gab es einmal eine Pause, so knisterte das Feuer und die Stille, und die drei edlen Fenster leuchteten durch das Dunkel und den Schnee — ganz so wie es bei einem lieben, alten Lampenschirm war, den ich als Junge einmal für meine Mutter zu Weihnachten klebte ...
Wie lange es gedauert hat, wußte ich nicht. Nun, mir ward die Zeit nicht lang ... Auf einmal aber, wie die Musik wieder schweigt, erlöschen mit einem Zauberschlage alle drei Fenster, der Garten liegt still und dunkel im Schneelicht, dann höre ich weibliche Stimmen und Lachen draußen, Gestalten erscheinen im Dunkel, es bewegt sich die Glastür, und es kommen drei herrliche Frauen herein! Ach, Georg, mir stand ja das Herz still, als ich die eine sah! Denke Dir, sie trug ein ganz großes, weites Kleid von erdbeerfarbener, glänzender Seide, die Taille war schwarzer Samt, die halben Arme bloß, — aber nun erst ihre Züge! — Es war eine erschreckende Schönheit darin, ja, nur so läßt es sich nennen, eine erschreckende Schönheit. Sie ist sehr groß — oder schien es wenigstens zuerst — nein, ich kann sie nicht beschreiben. Ihre Haut war von solcher süßen Zartheit und wie golden innerlich, das Haar — von einer seltsamen, hellbraunen Farbe mit rötlichen und goldenen Hauchen — trug sie über der Stirne gescheitelt, so daß diese frei blieb in ihrem ganzen Adel, dann nicht einfach zu den Ohren gelegt, sondern rund um die Stirne und, an den wundervollsten, langen, gebogenen Brauen vorüber, ganz tief nach unten und nun erst zurück, wie auf alten Bildern aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Und erst der Mund! Und wie sie nun stehn blieb und ihre tiefschwarzen, strahlenden Augen auf mich richtet und gleichzeitig erstaunt die eine Hand an das Kinn legt und den Ellbogen in die andre und so sinnend steht und mich lächelnd betrachtet — kannst Du Dir denken, wie mir da war?
Es war Fräulein Renate von Montfort, die Freundin der Deinen. Ja, die ist nun sehr lieb und auch schön und so anmutig, vor allem aber gewiß herzensgut. Sie kam gleich auf mich zu und lachte und fragte mich alles Mögliche, was ich gar nicht verstand, dann mußte der Diener kommen und das Mädchen, es schwirrte alles um mich herum, irgendein Mißverständnis war geschehn, die Damen entschuldigten sich, daß ich hatte warten müssen, — du lieber Gott, ich war ja froh darüber, wie es gekommen war. Die dritte war eine Freundin des Fräuleins, ihr Name wurde mir nicht gesagt, doch nannte das Fräulein sie Ulrika, und sie hatte wunderschönes, dunkelrotes Haar und ein klares, ernstes Gesicht mit ganz prachtvollen Brauen. Sie ist Klavierkünstlerin. Ja, nun gingen sie alle wieder mit mir in die Kapelle, und es war wirklich eine Orgel darin, ich habe auch ein wenig gespielt, und das Fräulein spielte, und wie sie da wieder vor den großen grauen Pfeifen saß in ihrem ausgebreiteten Kleid und mit leicht zurückgelegtem Antlitz — — ganz im Rausch fand ich mich wieder in der Straße und mußte noch lange im dunklen Wald umherlaufen, bis ich zu Eltern und Geschwistern zurückfinden konnte. Oh dieses Antlitz! Oh diese Gebärden voll Anmut und Würde! Ungemein stolz ist ihr Wesen in der Ruhe; sobald freilich die Züge sich bewegen in der Rede und zum Lächeln, — so strahlt Dir ein Sternenhimmel von Seele, Tiefen tuen sich auf, in denen singende Seraphim mit klingenden Saitenspielen auf und nieder schweben, da greift Dir das Lächeln einer Göttin in die Brust mit unsterblicher Hand, und Du fragst Dich, warum Dir je gebangt ...
Lebe wohl, Georg, Du Guter, nimm diese Zeilen als Dank für das Kleinod, das ich aus Deiner Freundeshand nahm. Ich kann nun nichts andres mehr schreiben, was wäre auch von mir zu sagen! Und ich darf ja nun wieder dorthin kommen, sooft ich will, haben sie gesagt, — ob ich es wage? Ich werde es wagen!
Mit allen guten Wünschen und Hoffnungen bin ich in Dankbarkeit immer Dein treuer
Benno