Magda an Georg
1. März
Mein lieber Georg!
Wunderbar ist das, was Du von den Bildern schreibst, ganz einzig! und dank des Riesenpakets von Abbildungen, das Du Lieber mir geschickt hast, kann ich mir schon eine Vorstellung von diesen Herrlichkeiten machen, wenn auch die Farben fehlen. Trotzdem — darf ich das sagen? — hat Dein Brief mich doch mehr erschreckt als erfreut. Es ist ja vielleicht nur, daß ich nur diesen bekommen habe, und daß mir deshalb Deine Begeisterung so — ja, ich finde nur das Wort ‚verzweifelt‘ erscheint. Ich sehe immer nur den Hintergrund von Leiden, den Du andeutest, und Du weißt ja wohl, daß Geahntes viel mehr ängstigt als Gewißheit, und deshalb möcht ich Dich so sehr bitten, daß Du mir schreibst, was das eigentlich ist, worunter Du zu leiden hast. Das Buch, von dem Du schriebst, hat ein Freund von Renate mir geliehen. Sie selber kannte es — was kennt die nicht? —, und sie und er sagten Beide, das Buch habe unendlich Tüchtiges gewirkt, wenn es auch für Leute mit künstlerischem Geschmack unlesbar sei. Mich hat es traurig gemacht, o so traurig! Renate und ich und auch ihr Freund — er heißt Saint-Georges, ein feiner, stiller Mensch — haben viel darüber gesprochen. Darf ich mich denn gar nicht sorgen um Dich? Und es erleichtert Dich doch vielleicht, wenn Du davon sprechen kannst.
Denke Dir, mit Deinem Freunde Benno P. hat es mit einem so komischen Malör angefangen! Als er uns besuchte, waren wir nicht zuhause, wie das so geht, dann schrieb ich ihm gleich und bat ihn auf gestern nachmittag. Um vier kam eine Freundin von Renate, die ihn auch gern kennen lernen wollte — sie ist Pianistin und spielt himmlisch! — da gingen wir in die Orgelkapelle, und Renate trug dem Diener auf, Herrn Prager dorthin zu führen, wenn er käme. Wir fingen dann an, Musik zu machen, und er kam nicht, und wie es gewöhnlich geht, vergaßen wir in der Musik alles andre, und auf einmal war es nach sechs Uhr, und Renates Freundin wollte fort. Wir gehn ins Haus, durch die dunkle Halle, Renate macht Licht, — da steht da ein Mensch, lang und mager mit ganz geblendeten Augen ... Denke Dir, da hat der Diener statt Kapelle Halle verstanden, und der arme Mensch hat zwei Stunden im Finstern verbracht und glaub ich nicht mal gewagt, sich hinzusetzen. Lieber Gott, war er verstört, und nun auf einmal Renate vor ihm, und noch zwei Mädchen, und Renate, die an und für sich schon das Schönste auf der Welt ist, in einem erdbeerfarbenen, weiten Atlasrock und enger, schwarzer Samttaille mit halben Ärmeln! Er hat die Augen kaum aufgeschlagen. Schließlich ists uns aber doch gelungen, ihn in die Kapelle zu ziehn, — ja, und wie er dann vor der Orgel saß und Mut schöpfte in einer Fuge, und dann ganz leise anfing zu phantasieren — ganz leise, aber, wie Frau Tregiorni sagte: sichtbarlich erdbeerfarben — ja, da konnten nun wir still werden und die Augen niederschlagen, und er saß mit verklärtem Gesicht wie ein Heiliger vor den großen Pfeifen.
Leb wohl, Georg! Ich würde so gern Dein Herz leise streicheln oder Dein Haar, wenn ichs dürfte.
Deine
Anna
Benno an Georg
Altenrepen, am 1. März
Mein lieber Georg!