Schöne Frauen, dachte Georg, ziehen mich doch eigentümlich an, — aber Cora — trug sie nicht auch einen grünen Schleier — grüne Schleier sind selten —, als ich sie das erste Mal sah? Gute Cora!
Es dämmerte tiefer draußen, die Felder lagen schon schwarz; der schnurgerade, schwarze Himmelsrand war dunkel gerötet, schwarze Dächer, ein spitzer Turm und Baumkuppeln ragten in sanftes Gelb, und darin schwammen drei kleine, rosige Wolken mit Silberrändern und holden Schatten still und emsig hintereinander her. Gerade wollte Georg es dem Maler zeigen — wie Legendenengel auf der Reise fand ers —, als im Wagen die Lampen aufflammten, und statt der Dämmerung wurde nun draußen das ganze, hellerleuchtete Wageninnere sichtbar, die Fenster, Tische, der wartende Kellner unter der Gasflamme und die beiden Damen, die einander gegenüber saßen und Kaffeetassen und Kännchen vor sich stehen hatten. Allmählich jedoch wurden über dem stark leuchtenden Grün der Bluse hinter dem durchsichtig gewordenen Antlitz die drei Abendwölkchen wieder sichtbar, die sich langsam von ihm entfernten.
Georg blickte auf und sah in diesem Augenblick die junge Dame herantreten. Sie errötete leicht, nickte und sagte zu Bogner, er möchte verzeihen, aber sie hätten von drüben den Namen Bogner gehört, und da hätten ihre Mutter und sie sich gestritten, ob er der Sohn von Charlotte Bogner und dem Sanitätsrat wäre. „Nun will ich wissen, ob ich recht habe,“ sagte sie ruhig, während im Hintergrund ihre Mutter sich in Qualen der Beschämung und Entrüstung zu winden schien.
Der Maler sagte, er wäre es, glaubte sogar, die Mutter des gnädigen Fräuleins als eine Freundin seiner Mutter erkannt zu haben.
„Und mich?“ sagte sie fest und mit Laune, „wollen Sie mich nie haben Klavier spielen hören?“
Nun lachte der Maler und versicherte wie ein Weltmann, er erinnere sich an alles und würde untröstlich sein, wenn er nicht der Mutter des gnädigen Fräuleins vorgestellt würde.
„Frau, nicht Fräulein,“ sagte sie freundlich, nickte Georg zu und ging mit Bogner hinüber.
Frau, nicht Fräulein? dachte Georg, sich wieder hinsetzend, verwundert. Das werde ich nie im Leben glauben. Hierauf nahm er, sich verpflichtet fühlend, irgend etwas zu tun, Coras zwei letzte Briefe hervor, blätterte die, mit etwas kindlicher Lateinschrift auf mattlila Papier geschriebenen unlustig auf und zu, nachdenklich, weshalb er den letzten unbeantwortet gelassen hatte. Das Häuflein lila Papier zusammenraffend und wieder wegsteckend, dachte er dann: Solche Briefe — oder solch ein Menschengewächs — sind sie nun eigentlich abscheulich oder nicht? Ich glaube, unsereiner, ja die meisten Menschen überhaupt, werden durch Erziehung, schon von Vorfahren her, auf einen Grund von Menschentum gestellt, wo man vieles gar nicht empfindet; einen Grund, oder besser, in eine Luft, wo Gemeines nicht gemein, Gutes nicht gut ist, sondern nur eine gewisse Lässigkeit herrscht, die sich alles erlaubt und nichts für bedeutend hält. Eigentlich — ja nun! Wer hat das Wort eigentlich erfunden? Ein Teufelsmensch, denn dies ist das Wort des Nicht-tuns und doch nicht Lassens, das Wort, in dem eigentlich alles steckt. Eigentlich, sagt man, sollte ich das ja nicht sagen, — und dann sagt mans. Ja, also: eigentlich müßte ich dies alles greulich finden, aber ich — ja, ich tue es auch eigentlich, bloß ... es ist zu dumm! Wie entsetzlich schamlos doch eine Frau geworden ist, sobald sie nur vier Jahr verheiratet war. Die Ehe ist so eine Art Sinekure für seelische Schamlosigkeit ... dachte er noch und wandte sich leicht um, hörte sich von Bogner angerufen, ging hin, wurde vorgestellt und konnte sich nun vergewissern lassen, daß die Tochter ihn wirklich nach einer Photographie erkannt hatte. Die Mutter hörte er Frau Tregiorni nennen, den Namen der Tochter schien der Maler selbst nicht zu wissen.
Fahrtgespräche
Sie hatte die zarte Schönheit der Frauen mit rotem Haar, einen unberührten Mund von der schönsten Form mit weicher Unter-, voll gewölbter Oberlippe und herabgesenkten Winkeln. Das Paar der dunkelbraunen Brauen schwebte wie ein flügelhebender Sperber über Augen von undeutlicher Färbung und großer Klarheit. Georg war entzückt, und obendrein stellte sich nun heraus, daß sie schon von ihm gehört hatte, daß sie Magda Chalybäus kenne und eine Freundin von Renate Montfort sei. Die Anna nannte sie eine entzückende Libelle, — warum, wußte sie nicht zu sagen, aber Georg erklärte es ihr gleich. Deshalb nämlich, weil Annas innere Lebendigkeit, obgleich sie selber sich stille verhielt, ein glänzendes Zittern um sie wöbe gleich dem unsichtbaren Schwirren der vielen Flügel, wenn der Libellenleib unbeweglich in der Sommerluft schwebt, — ein beflügeltes Wesen sei sie, o ja. — Dies fand sie so hübsch, daß sie es flugs ihrer Mutter mitteilen mußte, die es auch hübsch fand und nunmehr begann, Georg alles zu erzählen. Nämlich, daß sie aus Graz kamen, wo sie Verwandte ihres verstorbenen Mannes besucht hätten, der in Altenrepen Kapellmeister gewesen sei, und sie selber war am Theater Sängerin gewesen, übrigens gebürtige Altenreperin und aus sehr guter Familie, während ihr Mann italienischer Österreicher aus dem Görzischen gewesen war. — Ihr Gesicht war ganz gelb und wirklich so schief wie der abnehmende Mond; sie fing nicht einen einzigen Satz an, ohne einen hülflosen, um Erlaubnis oder Beistimmung flehenden Blick auf ihre Tochter zu werfen. Diese aber schnitt ihr nun sachte aber bestimmt den Faden ab und sagte: