„Wir haben Hemmungen!“ fuhr Georg hinein. Bogner lächelte.

„Das ist das neue Wort. Schlagworte passen für den Augenblick.“

„Nun, und etwas noch vor allem,“ fuhr Georg eilfertig fort, um den Anschein der Oberflächlichkeit auszutilgen, „ein Wort, das der Held dieses Buches hier sagt: ‚Ich liebe es, mich vor mir selber schuldig zu fühlen.‘ Ist es nicht grauenhaft? Und das ist das Russische. Aus diesem Grunde begehen sie ihre Schändlichkeiten. Sie sind Lüstlinge der Reue, nicht wahr? — aber was wollten Sie sagen?“

„Ich wollte sagen ...“ Während dieser Worte sah Georg neben dem Hinterkopf des Zahlkellners in dem Spiegel der Tür die Gesichter von zwei Damen dicht übereinander, ein ältliches, schiefes und kränkliches unter einem schwarzen Hut, und ein sehr zartes, junges unter einem grünen Jagdhut, und irgend etwas war rot daran. Auch Bogner blickte dorthin, an Georg vorüber, der selber stracks unfrei geworden war, sich genötigt fühlte, im Stuhl aufzusitzen, unauffällig die Weste abzuklopfen und sie straff zu ziehn. Er hörte weibliche Stimmen hinter sich, der Spiegel war jetzt leer, — warum kommen sie nicht vorüber? Sie schienen in der Hälfte des Wagens hinter ihm sich niedergelassen zu haben. Georg sah den Blick des Malers von ihnen ab und zum Fenster hinaus gleiten, während er sagte:

„Ich wollte sagen, daß all das auch in uns sei als Keim, als Trieb, als Gedanke; wir können ja nichts denken, wir können immer nur wünschen oder befürchten, und so sind jene Art Russen Zerrbilder von uns, die das Unsrige übertrieben darstellen, — doch eigentlich nicht unwahrhaftig,“ schloß er.

Nein, wollte Georg sagen und widersprechen in der Erinnerung an seine eigene Überlegung vorhin über den Unterschied von Tat und Gedanke, aber da hörte er den Maler halblaut und wie zu sich selber sagen:

„Die Menschen sind alle gut. Es will sich nur niemand hindern lassen.“

Das Wort fuhr durch Georg hin mit großem Erschrecken, wie wenn ein Tier im Weg aufspringt und die Augen hineinreißt in seine vielgliedrige Flucht. Indem brauste der Zug, lärmte, die Bremsen schrien überlaut, und sie hielten gleich darauf in einem kleinen, offenen Bahnhof.

„Ungütig sind sie, Bogner,“ sagte Georg entschlossen. „Sie tun, diese Russen, das Edle nicht aus Güte — denn dann würden sie das Gemeine verachten und lassen — sondern weil es sie gerade dazu treibt, es zu tun, oder auch, um übles Tun wettzumachen. Güte aber,“ setzte er triumphierend hinzu, „Güte ist der Orgelpunkt der Kultur.“

Hiernach gab die Leistung seiner Rede ihm die Berechtigung, sich umzuwenden, und er traf mit seinen Augen voll gegen das jüngere Gesicht — sie saß in der gleichen Richtung wie er, nur einen Tisch zurück, an der andern Wagenseite — in dessen ungemein schönen und klaren Augen er las, daß sie ihn erkannte, — vermutlich nach einer seiner Photographien. Zudem hatte er nun die, aus Grün und dunklem Rot gemischte Aureole von Haar und grünen Falten des über die Stirne hochgeschobenen Schleiers gesehn, die ihm zuvor rätselhaft erschienen war. — Jetzt sich erinnernd, daß er ja einen Spiegel im Wagenfenster neben sich hatte, vollführte er einige Manöver, um darzutun, daß er unbequem säße, drehte seinen Stuhl gegen das Fenster und hatte zuerst den ärgerlichen Anblick seiner eigenen Person im Glase, dieweil er noch immer die verwünschte schwarze Wickelmütze über der Wundenkompresse auf dem Kopfe trug. Alsbald aber erschien in der blassen, von Abendhimmel und dämmriger Landschaft verworrenen Spiegelung der Hauch eines Widerscheins von Wangen, Hut und grünseidener Bluse, Bruchstücke, die sich hin und wieder lieblich veränderten, schwebten, hinter dunklem Wald, hinter einem Hause verschwanden, wieder näher kamen und greifbar wurden.