Der Maler nickte.

„Es ist wie Stromschnellen,“ fuhr Georg fort, „beiläufig, haben Sie je eine Stromschnelle gesehn? — Man wirbelt dahin, und diese Lebendigkeit, dies tausendfach atemlose, leidenschaftliche Leben, mit dem sie samt und sonders durcheinander taumeln, diese Figuren! Im Augenblick — nicht wahr — ist man mitten darunter.“

Der Maler lächelte beipflichtend.

„Dabei,“ sagte Georg, „fehlt eigentlich alle Glut, etwa jene Balzacs, sondern alles ist auf eine Weise nüchtern und — unabänderlich und notwendig, die es gleichsam abkühlt. Dann sind es ja auch Russen ...“

„Mir,“ sagte Bogner aus dem Fenster blickend bedächtig, „mir kam es, als ich den Raskolnikoff las, vor, als säße ich festgebunden auf einem Stuhl in einem dieser grausamen Zimmer ... Eine Kerze am Rand eines dünnen Tisches, und kein Fenster. Der Kalk fällt von den Wänden, und irgendwo raschelt Ungeziefer. Da kommen sie denn einer nach dem andern herein und sagen ihr Leben auf.“

„So ists! Und sie haben gar nichts Gemeinsames! Jeder ist wie mit Wänden abgeschlossen von den Andern, und sie stoßen nur aufeinander, nicht wahr, umschlingen sich, taumeln anderswohin, und es will ein jeder nur das Seine. Sie reißen sich ineinander herein, jetzt aus Haß, und jetzt in Anbetung, — und sie stoßen sich von sich, — es sind Tataren!“

„Ja den Städten!“ sagte Bogner und setzte langsam hinzu: „In den Dörfern hausen lauter Dienende und haben tiefe Gebärden. Seltsame Kinder Gottes ...“ Georg zuckte leicht zusammen, da der Maler ihn plötzlich ins Auge faßte, und hörte ihn sagen: „Übrigens ... sagte nicht Oscar Wilde, daß Hekuba einen so unübertrefflichen Gegenstand der Kunst abgebe, weil ihre Leiden niemanden etwas angingen? Mir sind diese Russen immer fremd geblieben — Dostojewskis —, und daher war das Lesen so angenehm. Auch moralisch steht man völlig abseit, man erstaunt wohl im Miterleben, aber da die moralische Beteiligung fehlt, so wird man auch nicht zum Urteilen, zum Bejahen oder Verneinen, zum Loben oder Tadeln gezwungen.“

Georg, während er Balzac erwähnte, der hingegen stets moralisch sei und noch mehr den Leser nötige, es zu sein, hörte den Maler seinen eigenen Worten hinzufügen, es sei im Grunde nur ein Irrtum ...

„Was?“

„Diese Fremdheit des russischen Charakters. Ursächlich sind wir nicht anders. Die Menschen hierzuland, aus Büchern geschaut — und wir kennen sie ja nur aus Büchern, im Leben haben wir doch nur Freunde oder solche, die wir verachten —, scheinen uns bloß entweder gut, oder aber — nicht böse meinetwegen, tätig schlecht, Böses ersinnend, und betreibend, sondern — nichtswürdig, unedel, niedrig denkend. So scheinen sie uns; der Russe dagegen scheint ein Gemisch von beidem, Engel und Teufel in eins, im Augenblick tiefedel, im Augenblick von lustmörderischer Niedertracht, weil er nämlich jedem Reiz zu diesem und jenem nachgibt. Wir aber —“