Und der Karneval, eine lichterdurchblitzte Wolke von Staub und Konfettigestöber und Patschuligeruch, durchtobt von rosigen Beinen, nackten Schultern und Rücken, Fräcken, Hemdbrüsten, Riesenhüten und diesen entsetzlichen Pailettenkleidern, ein tanzendes Geheul, immer rundum, rundum um ein großes Himmelbett, in das sich ein ununterbrochener Regen von Gold- und Silberstücken senkt, während im Hintergrunde durchdringend ein uneheliches Kindergeschrei ertönt, — von wem stammte dies Wort? — Georg sah auf.
Ah, die Sonne! Der Zug fuhr mitten hinein. Georg sah ein Stück scharfen Goldes der gewaltigen Scheibe, der offene, gläserne Wagen glühte rot übergossen, der Maler gegenüber war farblos, doch sein Hinterhaar schön vergoldet. Wie alles blitzte! und der Zug schien freudiger und ruhmvoller dahinzurauschen.
Einen Augenblick versuchte Georg, im Gedanken an die Vergeudung eines halben Lebensjahres sich großartig vorzukommen. Einen Augenblick überlegte er, ob herzhafte Reue nicht angemessener sei. Aber das ist es nicht wert, dachte er wiederum und ertappte sich über dem Widerspruch, daß er die selbe Sache, auf deren Vergeudung er hatte stolz sein wollen, der Reue nicht für wert hielt. Flugs erschien ihm die Anna; sie stand vor einem Rosenstrauch und hielt ihm den Finger hin, an dem ein Blutstropfen hing, worauf er mit dem Verwischen des Tropfens die ganze Erscheinung auslöschte und bekümmert zu sich sagte: Das wird es sein, ja, daß all dieses, dies Biertrinken, Nichtstun, Tanzen, Fechten und die Herzensschlamperein — daß ich all das nicht mit Willen unternommen habe, nicht aus Lust, sondern nur, weil ich so hineingeriet, und ebensogut hätte ich es lassen können. Gelegenheit machte es, nicht ich, und darum kann ichs nicht bereun, noch überhaupt richtig empfinden, weil Tat so wertlos ist wie Traum, wenn Willen und Meinung fehlten. Ja, ist es nicht so: wenn ich nachtwandelnd vom Dachesrand stürze — wäre das Selbstmord? Wenn ich im Traum meinen Schlafgenossen erwürge, — wäre das Mord? Der Gedanke macht die Tat, — wie eigen, da doch ebenso gewiß der Gedanke die Tat nicht ist! Ja, und nun? Nun kann ich all das nur als geschehen betrachten, und das glaube ich, das ist an allem, was je war, das Häßlichste, wenn man hinterdrein sagen muß: Es kam so ...
Nun also eine andre Stadt, ein andres Leben. Jenes laß ich fallen, und was ich jetzt anfange — — ach, du lieber Gott, warum muß man sich denn nur über alles so entsetzlich klar sein! Zumal, setzte er beschwichtigend hinzu, da diese Klarheit immer bloß nachträglich ist, nichts bessert, gar nichts ändert, noch auslöscht, sondern höchstens den schwachen Bodensatz der Erinnerung ... Er verlor das Ende des Gedankens, indem er sich gezwungen fühlte, Maler Bogner zu fragen, ob er Dostojewski kenne.
„Übrigens, wie spät mags sein?“ setzte er hinzu.
Während der Maler seine Haltung löste, die Uhr zog und langsam sagte: „Bald acht, — noch eine Stunde ...“, sah Georg ihn mit einem Male im Billardzimmer in Trassenberg und mußte sich Gewalt antun, das an allen Gesichtsmuskeln zerrende Lachen zurückzuhalten, indem er sich erinnerte, wie dieser Bogner sich mitunter stundenlang mit dem Billard unterhielt. Er hatte keine Ahnung vom Spiel, wußte aber ungefähr, worauf es ankam, und so machte er hier und da einen nachdenklichen Stoß und verbrachte lange Minuten in tiefer Betrachtung darüber, wie das nun wohl zugegangen sei, daß die Bälle sich nicht so gelegt hatten, wie er sich das gedacht hatte. Dies sei fabelhaft fesselnd, hatte er gemeint. — Georg gelang es endlich, sich von diesem Bilde ab und zu den richtigen des Malers zu wenden, die er in Trassenberg gemalt hatte. Ja, welch ein Glanz im Schweigen, welch eine Riesenanspannung legendenhafter Kräfte, jedoch am Ende geäußert in so schlichter Form, wie wenn am letzten Kraftende eines Katarakts fünf dünne Sägen, langsam und sorgfältig, eine Fichte in Bretter zerlegen. — Das gelbe, traurige Bild seiner Mutter erschien, so überströmend von ihrem ganzen Lebensleid, eingeschlossen in ungeheure Stille, — o diese nun ewige, betrübte Vision gelber, verschwiegener Landschaft, in die der Frauenkopf sich hineinhob; verlangend und ergebungsvoll ... Ja, und — ach ja, Annas Bild, Annas, die er einen Sommertag lang geliebt hatte und ...
Der Maler sagte, ordentlich antwortend wie stets, er habe die Karamasoffs, Raskolnikoff und das Totenhaus gelesen.
Georg blickte insgeheim in diese hellen Augen, die vor kristallisiertem Licht die Farbe entbehren zu können schienen. Und darin wars gewesen, diese tiefe, grüne Wiese, die das ganze Bild zudeckte von oben bis unten wie ein vom Himmel hängender Teppich, und davor das schwebende maihimmelblaue Kleid mit tanzenden, geschweiften Rocksäumen, und die schneeweißen, ausgestreckten Arme, und das flüchtige, vergehende, nach oben fort verlangende Antlitz unter der Last von gelben Rosen, die das Haar unsichtbar machten, — und im Gesicht die Stille der großen Augen, und elysische Vergessenheit im Blick ... Ich aber — habe ich diese Anna je gekannt? Geliebt habe ich sie nie, dachte Georg tief seufzend und folgte mit Augen dem Kellner, der die Rulos eines nach dem andern emporschnellen ließ, — bis auf eines, das durchaus nicht wollte, worauf der Kellner ab von ihm ließ, als wäre es ungezogen. Plötzlich befanden sie sich, der verschwindenden Sonne groß ausgesetzt, in dem offenen Glaskasten mitten in der Landschaft, durch die sie flogen.
Georg warf sich mit Heftigkeit ins Gespräch.
„Er schreibt den geschwindesten Stil in der Welt, nicht wahr?“ sagte er.