Speisewagen
Unaufhörlich stampften die Achsen.
Georg, ein Stockwerk gleichsam über dem Rasseln, Klirren und Stoßen, hörte die Ringe zum Festhalten der Gläser und Flaschen unter den Fenstern des Speisewagens klappern, deutlich durch das übrige Getöse. Der Zug jagte mit allen Bremsen talwärts. Jedesmal wenn die offenen Flügeltüren fern drüben in ihrer Langmut hin und her wankten, so wurde das sachte Dehnen und Knirschen in den Lederfalten der Harmonikas vernehmlich, und da sich die Täler nun erleichtert öffneten nach dem Durchstoß des zornigen Kolosses von verketteten Wagen, der sich in die Ferne stürzte, so blickte Georg in die tiefe, grüne Heiterkeit der schon abendlichen Landschaft, vor deren Wiesen und Äckern und Wäldchen durchsichtige Stücke des Wagens schwammen, gläsern gespiegelt, auch die linke Hälfte von Maler Bogner, der ihm gegenüber saß, die Unterarme auf der Tischplatte, und manchmal erschien eine Andeutung seines Profils, sonderbar fremd wie eines Unbekannten, dort draußen.
Auf dieser Seite des Zuges war es hell; auf der andern waren die wachstuchenen Vorhänge gegen die tief stehende Abendsonne herabgelassen, und immer sah Georg beim Hinausblicken den Schatten des Zuges in rasender Eile mitgeschleift, in fegenden Wellenlinien über Böschungen oder Plankenzäune, über die Telegraphenpfähle, in Gräben tief hinunter, Anhöhen hinauf und in ungeheurem Sturze wieder hinunter in tiefes Wiesenland, über das der Bahndamm hoch oben den Zug hinwegführte wie einen fortsprengenden Hippogryph. Es war ein wenig aufregend anzusehn auf die Dauer. Georg erholte sich an der Dämmerung hinter den Wachstuchvorhängen, deren Stäbe unten hin und wieder mit leichtem Klappen gegen die Fensterleisten schlugen; sekundenlang hingen sie leblos, je nach der Neigung des Wagens. Alle Tische waren von Gästen leer; ein Kellner, lautlos, kam ab und zu heran, ordnete auf den weißen Tafeltüchern die Gläser in Gruppen, setzte Teller mit Nienburger Bärentatzen, in Pergament gewickelt, und kleine bunte Pakete mit Kakes darauf.
Es war so wohltuend alles; anzusehn alles und nichts dabei zu denken. Der Zug beruhigte sich ein wenig. Das dumpf donnernde Rollen der Räder sank langsam tiefer unter Georg, ein musikalisches Getöse, das die Fahrt eher zu begleiten schien, als daß es durch sie entstand, und der Zug wiegte sich gleichmäßig und zufrieden. Draußen zog die Landschaft, schön in weiten Tiefen zur Ansicht ausgebreitet, stark leuchtend, mit vielen und langen Schatten, Felder, Haidestrecken, kleine schwarze Baumschläge mit rot glühenden Stämmen, nahe Tümpel, Bachläufe, Rinder, schwarze und weiße, glühend in der Abendsonne mit ihren Schatten im glühenden Wiesengrün, ein Bahnwärterhäuschen, rot wie lebendige Glut, mit Gärtchen, Hund, Kind und Mann an der Fahne, grell beleuchtet über und über. Rosige Landstraßen mit ihren Reihen Obstbäumen oder Pappeln hielten sich lange Zeit unveränderlich in der Ferne, bogen sich langsam, näherten sich, schweiften plötzlich wie auf einen Wink in die Weite, oder sie kamen unvorsichtig heran und wurden jählings abgeschnitten. Dann war da ein kleines Bild zusammengestellt im Schatten des Zuges: eine Schranke, zu der Kinder heranliefen, oder es wartete ein bäuerliches Leiterwagengespann, und all das wiederholte sich mühelos, immer ein wenig anders. Einmal erschienen die weißen Rauchballen aus der Lokomotive, wie sie munter und sorglos über hellgrüne Saatfelder dahinsprangen, nun langsamer schwebten, zurückblieben, sich gestalten wollten, aber eh sie’s gedacht sich auflösten, erstaunt über ihr frühes Ende.
Georg, alles wahrnehmend obenhin — auch den richtigen Maler zuweilen gegenüber, nicht den gespiegelten, der wie er selber hinausschaute, als wärs eine Aufgabe; auch den grün und gelben Kopf Dostojewskis auf dem dicken Bande, der vor ihm lag, und noch dies und jenes —, hörte und sah es doch kaum, nach innen träumend, wo aus einer selbst handelnden Tiefe der haltlos schwebende Filmstreifen des Gedächtnisses Bilder emporschickte, so unordentlich und schlecht aneinandergereiht wie die von Träumen, immerfort auseinanderreißend wie aus Seidenpapier, dann unterbrochen von den gegenwärtigen Erscheinungen, erhellt, verdunkelt, beleuchtet, beschattet, Gesichter, Straßenteile, Bewegungen, Gruppen, Zimmer, Restaurants, Marmortische, rote Samtsofas, Säle, Galeriestücke und Gärten, — und die Augenlider senkten sich zuweilen, dem Unterdrücken von diesem oder jenem mit äußerlicher Bewegung nachzuhelfen; oder er wurde sich der Härte der Stuhllehne im Rücken bewußt und rutschte tiefer; oder er zog die weit ausgestreckten Beine an sich und legte das linke über das rechte, oder umgekehrt.
Georg hatte das dünne Gefühl einer unsicheren Behaglichkeit. Er sagte sichs mit diesen Worten und fragte sich daraufhin: Warum dünn? warum unsicher? Dünn ließ er fallen und untersuchte das Unsicher. Da fand er denn, es sei wie an einem dieser öden Sonntagnachmittage letzter Zeit in München, wenn in der Ferne die Glocken läuteten. Es ist still, es ist beunruhigend ruhig, es fehlen alle Wochentagsgeräusche, es ist warm und friedlich, aber die Öde, oh die Öde, wie sie mit lautloser Woge an den Wänden hochgeht und niederrieselt von oben! Daran schuld aber scheinen die Glocken. — Es läutet in meiner Tiefe, dachte Georg, meine Behaglichkeit ist bloß äußerlich, ich bin wohl schon entronnen — gottlob, ich bin entronnen! — aber irgendwo läuten noch immer diese beklemmenden Sonntagnachmittagglocken. Sind das wohl diese Erinnerungen? Ja, sie sind es. Sie taugen wohl nichts? Nein, sie taugen nicht das geringste! Allesamt? — Aber vor allem ist es das, daß sie bloß da sind, weiter nichts; sie sind so wertlos und so kraftlos wie jenes Geläut, das für irgendwelche Leute Bedeutung haben mochte, aber nicht für mich. Ich erinnere mich — und kann mich doch nicht erinnern. Der Saft ist heraus. Wie geisterhaft ist doch alles Gewesene! Kann man überhaupt etwas hören in der Erinnerung? —
Georg horchte. Um eine lange Tafel unter umqualmten Lampen saßen Gestalten, Mützen, blaue, auf den Köpfen und blau-weiß-schwarze Bänder um die Brust unterm Rock; am obern Ende stand einer, in schwarzer Pekesche, blauweißschwarzer Schärpe und Cerevis, der mit einem farbigen Schläger auf den Tisch hieb; aber Georg hörte den Knall nicht und hörte das Lied nicht — obgleich die Melodie —, das aber zweifellos rauh und mit Klavierbegleitung gesungen wurde. Eher vernehmbar schon war die kontormäßige Stille des riesigen Billardsaals, mit dem leis knackenden Aneinanderprallen der Bälle, den grünen, sanften und leuchtenden Rechteckflächen unter tief hängenden, dicht umschatteten Lampen. Daraus entfaltete sich alsbald, wie eine Handvoll Spielkarten gefächert, eine Bilderwand der Schackgalerie, Hafis am Brunnen ... und jene Römerin Feuerbachs mit der unbeschreiblichen Hand, und die kleinen, dämmerigen, klösterlichen Gewölbe mit Schwinds liebevollen, bezaubernden Bildchen. Nun, das war doch eine angenehme, eine fühlbare und eine wertvolle Erinnerung, — möglicherweise aber war es doch die einzige ihrer Art, das fiel ihm aufs Herz! Nein, siehe da, wie zart, wie unirdisch, diese rosenleichte und sanfte Alpenkette! Er selber freilich war unversehens auf jene brüllende Terrasse voller Menschen im Isartal geraten und ins Gedränge von langen Biertischen mit grauen Maßkrügen und gehäuften Brotkörben, von Münchener Spießern, Studenten und Kellnerinnen, alt und stämmig, — Pullach hieß es, und war eine Exkneipe in Zivil am Sonntag. Die Alpenkette schwebte unsäglich ferne darüber und lächelte abgewandt. Da kam sie ein wenig näher, da war der Starnberger See, der Herbstpark, an dieser Stelle brachten sie den toten König ans Land, und dort drüben war die Bretterwand vom Wellenbade. Weiter, — was noch? Nachtstunden, oh schauerliche Nachtstunden! Prostgeschrei, Lieder, Anödereien, Bierjungen und tiefe Betrunkenheit. Endlich die mitternächtigen Heimwege in künstlicher Haltung, wenn durch die halbe Bewußtlosigkeit plötzlich der Riesenschatten der Frauenkirche dunkelte, — und Schlaf, Schlaf und stumpfes, besinnungsloses Erwachen, halbes Ankleiden, schweißige Stunde auf dem Paukboden ... „Die Faust nach links! Höher! Noch höher! Links heraus! so! links heraus!“ Und es prasselte, klirrte und klappte dumpf von zwanzig Stellen des Schuppens, und irgendwo sprang gellend eine Klinge ... Jetzt der erste, eisig kalte Schluck beim Frühschoppen, die Promenade, Musik und auffliegende Taubenschwärme ums mistbesudelte Gesims der Theatinerkirche, und ach nun jene ödesten Stunden der niemals endenden Samstage auf dem Mensurboden — — entronnen, oh gottlob endlich entronnen.
Georg schlug zum Abschluß Dostojewskis ‚Jüngling‘ auf und las mit den Augen, innerlich unaufhaltsam weiterdenkend: Da bin ich doch auch in Nymphenburg gewesen, das war schön, der letzte Farbentag im November, die langen, schlichten Fronten, die großen, gemauerten Becken und der kleine wilde Teich im Park mit der einsamen bunten Ente. Dann war Cora, dies Wesen ... und Fliddridd, dies — ja, dies Wesen ...
Und Annas Briefe, ach mein Gott, hätte ich ihr doch nie geantwortet ...