„Ich glaube,“ sagte die Tochter — Georg, der sie hatte Ulle nennen hören, erwog, ob sie wohl Ulrike heiße, was ihm paßlicher schien —, „ich glaube, es war schöner, als es so aussieht, wie Sie es malen. Der Vater war das Oberhaupt, und die Familie bildete eine wohlgeordnete Gruppe der Ehrfurcht umher. So sollte es immer sein.“
„Wenn das Oberhaupt nur danach wäre,“ ließ Georg einfließen, während sie unbeirrt weitersprach:
„Er hatte sie ja gegründet, widmete ihr sein Leben, sorgte für sie und war stets ein Vorbild in Sitte und auch in Gesinnung.“
„Wenn er aber nun brüllt, tobt, ohrfeigt und die Türen knallt?“
„Wer tut denn so etwas?“ fragte sie spitz.
„Bennos Vater. Dabei ist er ein Gelehrter und ziemlich gebildet, nicht wahr? Im ganzen, scheint mir, ist er nur auf lärmigere Weise Tyrann als Ihr vorbildliches Oberhaupt. Und zudem, scheint mir, hatte Ihr Oberhaupt mehr Ehrfurcht vor seiner Frau, vor der Mutter seiner Kinder und dem Vorstand des Hauswesens, wie er andrerseits ihr Eheherr war, wie es hieß, dem sie Gehorsam schuldete, wie zuvor ihrem Vater. Es war jedenfalls ziemlich beschränkt.“
„Ach, Ulle, und so kalt kommt es mir vor!“ klagte die Mutter ängstlich und schaudernd. „Diese gräßlichen Mühlsteinkragen! Warum heirateten sie denn überhaupt?“
„Es war nicht kalt, Mutter, nicht kälter als heute, im Gegenteil, denn es herrschte eben die Gemeinsamkeit, von der wir sprachen. Es war eine Gemeinde, es gab Zucht und Gottesfurcht. Heute heiraten die Menschen, weil sie sich einbilden, sie hätten sich lieb, und weil es gerade so paßt, diesmal, denn jeder hat schon früher diesen oder diese liebgehabt, und da paßte es nicht und wurde nichts daraus, und das ist eben das Zufällige. Nachher sitzen sie dann wie eine Lerche und eine Krähe auf derselben Stange.“ Errötend, als habe sie in irgendeinem Betracht zu deutlich gesprochen, fuhr sie eilfertig fort: „Vielleicht liegt es an der Religion, die heute auch fehlt, und die damals alles war, Weltanschauung und —“
„Ach, Ulle, die Religion! Und dein Papa war solch ein frommer —“
„Liebste Mama, du gehst alle vierzehn Tage einmal zur Messe, Ostern zum Abendmahl und zur Beichte, und du bist noch katholisch obendrein. Früher war die Religion das goldne Seil, an dem jeder Tag ablief, nichts geschah ohne Gebet vorher, das Kleinste und das Größte war von Gott abhängig, — ist das kein Unterschied?“