Georg sagte: „Um es ganz einfach darzustellen: Adel — nicht wahr? — heiratete Adel und Handwerk Handwerk. Ferner hatte der Mann die Kenntnisse, war der Ernährer und galt deshalb als überlegen. Ferner wußte die Frau, die vom selben Stande war, was dazu nötig war, um seinen Beruf zu verstehn, während eine Kaufmannstochter, die einen Gelehrten heiratet, nur aus großer Liebe ein blindes Verständnis schöpfen kann. Ferner hatte auch sie ihre Überlegenheit, im Hauswesen, in der Erziehung der Kinder. So waren sie in allen gemeinsamen Angelegenheiten — nicht wahr? — einander gleich; wenn er überragte, so tat ers für sich allein, außer dem Hause gleichsam.“

Frau Tregiorni bestritt alles, denn alles sei heute genau so! Wenn sie an ihre Ehe denke, du lieber Gott! — und Georg pries sie glücklich.

„Ja, und warum brüllt er denn so?“ erkundigte sie sich zaghaft nach Bennos Vater.

„Das fragen wir uns ja auch, gnädigste Frau. Nun, Ursachen gab es natürlich. Schlechte Schulzeugnisse, Bennos ewige Verträumtheit und Vergeßlichkeit, dann vor allem das Essen, nicht wahr? und die Krankheit seiner Frau, — ja, nun ist sie ja tot.“

„Ist sie tot? Nein, so was lebt nicht!“ beteuerte die alte Dame unschuldig, während Ulrika: „Ach! also doch!“ sagte.

„Vor acht Tagen bekam ich die Anzeige,“ sagte Georg. „Mich wundert, was der Alte nun sagen wird; bisher war er überzeugt, daß sie nur so tat. Sehen Sie: Bennos Vater stammte aus nicht bessern Verhältnissen als sie, hatte aber studiert, war ein Gelehrter und vermutlich der Stolz der Familie gewesen, der es später dann zu nichts Rechtem brachte. Sie war, soviel ich weiß, seine filia hospitalis gewesen, in die er sich verliebte, nicht wahr? Nun dazu der gute Benno, dies Kuckucksei, mit seinem Komponieren. Keiner konnte ihn begreifen, keiner konnte ja vom andern begreifen, was er war, noch die Gegend schätzen, aus der er kam. So fehlte die Zuneigung.“

Das verstehe sie nicht, erklärte Frau Tregiorni.

„Die pflichtmäßige Zuneigung, gnädige Frau. Ehen wurden früher geschlossen, weil eine Familie zu gründen war. Es mußte alles stimmen, Stand, beiderseitiges Vermögen, nicht wahr? und es heiratete nicht ohne weiteres ein Mann ein Mädchen, sondern Familie in Familie, Anhang in Anhang. Es konnte nicht vorkommen, daß der Mann die Verwandten seiner Frau mißachtete, oder umgekehrt, und es schien jegliche Grundlage des Glücks ausgeschlossen bei einer Ehe, die mit der geringsten Gegensätzlichkeit begann, irgendwelcher Feindschaft womöglich, gar nicht zu reden von väterlichem Fluch.“ Mit dem Gedanken an Cora und ihren Mann sprach er weiter: „Es mußte ein Akkord sein, nicht wahr, von vielfältig abgestimmten Noten. Und dann eben, mit dem Augenblick des Eheschlusses, begann das Eingeborene zu wirken, nämlich diese pflichtmäßige Zuneigung der Gatten; des Mannes zur Mutter der kommenden Kinder, der Frau zum Eheherrn, auf den sie sich verließ. Pflichtmäßige Zuneigung, die sich ein Leben lang durchhalten ließ — vermöge natürlich der des Herzens — und die sich spontan auf die Kinder übertrug als Ehrfurcht, vor dem väterlichen Vorbilde, dem elterlichen Beispiel — nicht wahr — eines Wandels in Einmütigkeit; Zuneigung um des Bundes willen.“

Ulrika warf den Kopf auf, erklärte, er habe gut gesprochen, und es beweise gar nichts. „Benno Prager muß da unter den Seinen in der Verbannung von sich selber leben, und früher wurden die jüngeren Söhne aus dem Hause gejagt, wenn sie nicht freiwillig gingen, und konnten mit dem Schwert ihr Brot verdienen —“

„Beim Adel, gewiß, und es hatte wirtschaftliche Ursachen, und es schadete auch gar nichts, und außerdem wären wir ja froh, wenn Benno fortgejagt wäre, anstatt daß er nun in die Bank gehen muß.“