Bogner erwiderte, es sei nachts gegen Morgen gewesen. Plötzlich waren sie mitten in der Stadt, auf hohem Bahndamm zwischen den Häusern hindurchgerissen, es rauschte und donnerte, Fensterreihen, hunderte von kleinen Balkonen, das Innere von Zimmern, mit einer Hängelampe, einer Nähmaschine, flogen vorbei. Aus der Tiefe neben Georg fuhr jenes Gewimmel von Kette und Anordnungen roter, grüner und weißer Lämpchen herauf, lampengeschmückte Musikpavillons, eine Militärkapelle, Tisch und das Getümmel beleuchteter Menschen.

„Tivoli, genau wie damals,“ sagte der Maler und erhob sich.

Während sie ihre Mäntel überzogen, rauschten die Bremsen, stöhnten, quietschten, und der Zug stand in der leuchtenden Halle.

Zweites Kapitel

Nachtgang

Der Maler ging in seiner leichtlichen Rüstigkeit voran. Georg, in einem sonderlichen Gefühl von Heimkehr, mit der Ungewißheit der Erwartung, ob noch alles wie damals sei und was sich diesmal dahier mit ihm zutragen werde, folgte treppab, durch Menschengedränge, durch den Tunnel, stand eine Weile geduldig mit am Gepäcklager, wo der Maler seinen Zettel abgab, um sich den Koffer schicken zu lassen, und dann standen sie unter dem Überdach vor den Ausgängen. Georg sah das schwarze Reiterdenkmal wieder über Treppen und Blumenbeeten auf dem nassen, schwarzen Platz, hörte die elektrischen Bahnen in den Kurven kreischen, sah sie um die springenden Brunnen biegen, sah die breiten Straßen in der rötlichen Helle der Bogenlampen, hastig durchwimmelt von beschäftigten Menschen, die großen Hotelbauten im Umkreis und die Fluten verschiedenen Lichts aus den Spiegelscheiben der Auslagen im breiten Strom der Bahnhofstraße, alles so unendlich wohlbekannt, für den Hauch eines Augenblickes entfremdet, nun alles schon wieder wie vor einem Jahr, und er dachte dabei: Da bin ich nun in derselben Stadt wie Anna. Wenn sie mir doch gleich entgegenkommen wollte! Die Überraschung würde mich maskieren. Ob ich nicht vielleicht doch, wenn ich sie wiedersehe, mein verlorenes Gefühl wieder finde? Oh Gott, nein, betrügen kann ich sie nicht, und was sollte auch daraus werden?

„Ich möchte zu Fuß gehn,“ hörte er Bogner sagen, „meine Eltern wohnen in Waldhausen.“

Georg, unschlüssig was tun, da er ins Hotel immer noch früh genug kam, fragte, ob er durch die Wiesen gehn wolle, und da der Maler nickte, ob er ihn begleiten dürfte, — die Abendluft ...

Also sagte er dem blassen Egon Bescheid wegen des Hotels und der Koffer, und sie gingen schweigsam über den Platz, die Bahnhofstraße hinunter und weiter durch die Altstadt, wo Georg plötzlich in einer dunklen Seitenstraße den leuchtend grünen, jetzt schon in triefendes, tiefes Blau vergehenden Himmel wieder sah, in den der riesenhafte, breitschultrige Turm der Marktkirche hineinragte, schwarz wie aus Samt geschnitten.

Als sie auf die Allee des alten Friedrichswalls hinaustraten, blieb der Maler stehn. Rechts rauschten die vielen Wasserstrahlen des Zierbrunnens mit Krokodilen und Wassermännern in der Abendstille. Der Maler schüttelte den Kopf über ihn, blickte nach links gewandt die kleine Akazienallee hinunter, neben der auf dem glänzend nassen Fahrdamm die Straßenbahngeleise schimmerten, und schien der lang und dunkel hingestreckten Front des alten Rathauses mit dorischen Säulen und mächtigen Dreieckgiebeln zuzunicken. — Wie mag ihm zumute sein, dachte Georg teilnehmend, da er Alles wiedersieht nach so langer Zeit? — Indem sagte Bogner, in die dunklen Wiesenanlagen jenseits der Allee hinüberdeutend: