„Früher — ja, da reichten die Maschweiden bis hierher, und gleich da drüben stand der kleine Bretterkiosk, wo die Billette zur Schlittschuhbahn verkauft wurden, wenn im Winter die Wiesen unter Wasser standen. Für Jungens kostete es zwei Pfennig, es gab rote Zettel, und dann konnten wir uns gegen den Wind bis hinten zum Bahndamm hinausarbeiten. Auf dem Eis stand eine Bretterbude über Pfählen, wo es glühend roten ‚Kinderpunsch‘ gab für fünf Pfennige. Ja, zur Tür dieses Schuppens führte ein schräges Brückenbrett mit quergenagelten Leisten. Man sollte nicht glauben, daß man im Leben nicht so etwas vergißt wie diese mit Schnee und Schlamm bekrusteten Leisten, mit den Spuren der Schlittschuh, oder diese Mühsal, auf Schlittschuhen hinaufzukraxeln, immerfort angeklammert an die Andern, denn dort herrschte stets ein mächtiger Andrang. Drinnen dampfte alles, ein Kanonenofen war da ...“

Sie gingen wieder; überkreuzten die Allee, umwanderten den neuen kleinen Teich mit seinen Wiesenbuchten und Grotten von Bimsstein und Baumgruppen, gelangten an die Holzbrücke, die zu den großen Wipfelmassen von Bellavista hinüber führte, und wieder blieb der Maler stehn und erklärte, daß hier eine andre Brücke gewesen sei, damals, aus Eisen, mit so hohen Brüstungen, daß man als Junge sich auf die Zehen stellen mußte, um das Wasser sehen zu können und die Ruderboote im Fluß. Die Bootstation drüben war Georg wohlbekannt, aber ehe er etwas sagen konnte, sprang der Maler die Böschung hinunter in die weithin dunkel ausgebreitete Wiesenfläche, zur Linken von dem neuen, mächtig herumgeschwungenen Promenadendamm umarmt, wo Laternen brannten und erleuchtete Fenster in den Hinterhäusern der Stadt erglommen.

Sie folgten dem Wiesenpfad am Fluß hinunter, der braun und eilfertig, hier und da glucksend in der Hast, dahinzog. Mit dem Schweigsamen wanderten am andern Ufer die schweigenden Krüppelweiden, fabelhafte schwarze und verkrümmte Stammkörper mit einem mächtig gesträubten Haarwuchs dünner Ruten, durch die der trübrote Nachthimmel über der Fabrikstadt glühte. Sie gelangten an die Bismarcksäule, die mit einmal, ein dunkler Schatten, sich linker Hand aufrichtete, überstiegen die Anhöhe, die sie trug; Georg, in der Dunkelheit unsicher, zögerte, aber der Maler sprang schon wieder in die Wiesen hinunter, und nun gewahrte Georg fern drüben zur Linken die dunklen Festungsumrisse der Brauerei und weiter rechts in der Ferne die Zypressen und Mauern des Friedhofs, wo die dunklen Wiesenflächen uferten. Er erinnerte sich, daß der Bahndamm verlegt war, wandte sich und sah jenseits der ruhigen Flußbiegung ein stilles Volk von Fabrikschloten im Qualm des roten Städtehimmels stehn, daneben die Türme der Garnisonkirche und Gewipfel. Er hörte das Rauschen des unsichtbaren Wehrs zur Rechten, wo der Fluß sich teilte, und als jetzt die Nachtluft, lau, mit weichen, ungeschickten Stößen wie kindliche Küsse auf ihn eindrang, zitterte sein Herz in der wundervollen Bangnis des Frühlings.

Unten im Dunkel, ganz still, erhob sich der Schatten des Malers in seinem grauen Mantel; auch er bewegte sich nicht. Alles schien sich still zu verhalten auf einmal und zu warten. Wie feucht die Luft war, wie kühl nun wieder! Die Fläche des Flusses glänzte zwischen den Böschungen, sich verbreiternd, bevor er sich in die beiden Arme teilte; ununterbrochen rauschte das Wehr, heller als Meeresbrandung, doch zogen undeutliche Gedanken von See und Ebene durch Georgs Herz. Dann folgte er Bogner.

Der Weg über die Wiesen war nicht leicht, der nasse Grasboden höckerig und zerlöchert, zuweilen gelangten sie an sumpfige Stellen, die der Maler jedoch umkreiste, ohne sich zu besinnen; hier schien er jeden Fußbreit zu kennen. Nach einer Viertelstunde waren sie an einem Strebepfeiler der Friedhofsmauer angelangt und gingen unter den haushohen Bastionen und Türmchen einher, kamen an einen Zaun, einen Bach, einen Brückensteg, über den ein schiefes, halb offenes Stacketengitter gespannt war, gingen hindurch über eine kleine ansteigende Wiese neben einem schwarzen Graben, und — „Hier,“ sagte Bogner, „fingen wir Jungens Blutegel und Molche und Sticherlinge, oder wir stellten dahinten in den Kegelbahnen — das da ist der Biergarten vom Döhrener Turm! — Kegel auf für die hemdärmeligen Pfahlbürger. Da müssen wir hindurch. Übrigens — die erleuchteten Fenster da rechts unter den Bäumen gehören meines Wissens zur Güntherstraße.“

„Wo die Montforts wohnen?“ Georg erschrak. Im dunklen Gefühl, daß er mit der nächsten Minute Anna sehn werde, ging er hinter dem Maler her, der — suchend, wie es schien — sich in der Finsternis der Bäume verlor. Georg stolperte über Wurzeln; etwas, das wie ein Galgen aussah, stand plötzlich vor ihm; er erkannte das Balkengerüst einer an eisernen Stangen hängenden Schaukel, so groß, daß ein Dutzend Menschen darauf stehn konnte; er sah erleuchtete bunte Treppenhausfenster plötzlich ganz groß in der Dunkelheit schweben, und auf einmal kam ein gedämpftes, melodisches Brausen durch die Nacht geschwebt. Orgel ... Renates Orgel ... dachte Georg. Wo war denn Bogner? Er lauschte sekundenlang auf das schöne Rauschen und Quellen, das die Bäume friedlich überstieg; hellere Stimmen lösten sich freudig, stiegen, entwandelten feierlich. Es roch stark nach Erde, nasser Baumrinde, nach Knospen.

Aber wo war denn der Maler? Georg tat ein paar Schritte im Finstern und erblickte plötzlich sehr betroffen drei hohe und schmale, gotische Fenster, die sich in der Nacht aufgestellt hatten, erleuchtet, von einem sehr milden, bernsteinfarbenen Licht. Darüber erschienen alsbald die Schattenumrisse von Dach und Türmchen einer kleinen Kapelle.

So also sah dies alles aus? Und sieh, da stand der Maler; auf einmal sah er sein Profil, nach oben gerichtet, und da war auch ein Zaun und Buschwerk dahinter. Ängstlich und beklommen zu Bogner tretend, sah Georg hoch oben links ein helles Fenster weit offen, ein Stück weißer Zimmerdecke und ein Dienstmädchen mit weißer Tolle, das eine Steppdecke hochnahm und davontrug. Unten wurden Wege weißlich sichtbar, sodann ein roter Punkt, der sich bewegte, ein Raucher — die Orgel rauschte tief — daneben etwas Weißes, ein Kleid, und der rote Punkt glühte auf, und Georg erblickte deutlich und fast entsetzt in dem kleinen Lichtkreis Annas Gesicht und eine Hand, die am Halsausschnitt der dunklen Jacke lag. In diesem Augenblick, zurückfahrend, ließ er seinen Schirm fallen, der gegen den Zaun schlug, und aus dem Garten rief nach Sekunden eine männliche Stimme halblaut: „Ist da wer?“

Georg bückte sich nach seinem Schirm, fand ihn, da war alles still. Plötzlich erloschen die Fenster, gleich darauf knarrte eine Tür, er sah das dunkle Rechteck einen Fuß hoch über dem Erdboden, ein Schatten war darin, ein helles Gesicht; eine Gestalt, weiblich, die etwas Weißes in der Hand hatte, erschien auf einem Wege, der am Zaun vorüberführte, unverborgen durch das noch durchsichtige Strauchwerk, und Georg hörte die Männerstimme wieder, fragend: „Renate?“

Es war still. Der Name, durch die schweigende Nachtdämmerung gerufen, hallte ihm sonderbar durch das Herz. Er zauderte noch, dachte: Jetzt ists am besten! ermannte sich und sagte laut: