Drittes Kapitel

Kaffeehaus

Fast alle Räume waren von Gästen leer. Hier und dort stand ein Kellner und las die Zeitung, und richtig, als Georg durch die große Glaswand den Mittelraum betrat, stand in der offenen Türe links Frithjof in schöner Attitüde, einen Fuß überm andern, den Ellbogen gegen den Rahmen gestemmt, die Hand am Hinterkopf, gesenkten Blicks verloren in Betrachtung. Doch zog er bei Georgs Anblick erstaunt und doch achtungsvoll die Lider empor, machte sich aus sich los und kam auf seinen Plattfüßen eifrig und wackelnd herbei, den Mund wie stets in Falten ungeheuren Ernstes verzogen.

„Durchlaucht,“ flüsterte er, Georg Schirm und Mantel abnehmend, „wieder zurück?“ Und als Georg auf der rotsamtenen Sichel des Ecksofas Platz genommen hatte, beugte er sich zart und vertraulich über den runden Marmortisch und raunte: „Zu Hause ists doch immer am besten!“ Er lächelte. „Was sag ich?“ Er lehnte sich triumphierend zurück und lachte voll Stolz. „Na, is es nich so?“ Und da Georg nickte und lachte, schloß er befriedigt ab: „So ist es!“ völlig mit Georg in Übereinstimmung.

„Was solls denn sein, Durchlaucht? Pilsner, Münchener, Kulmbacher?“

Georg bestellte drei Eier im Glase, Butterschnitten und ein Kulmbacher. — Merkwürdig übrigens, dachte er, wie man am Gewohnten hängt. Ich hätte im Hotel ganz einsam essen können, — freilich, aus welcher Fremde komm ich! ja, das spür ich erst nun, wo dies hier mich so heimatlich berührt! Herztröstlich klang ihm da Frithjofs alte Stimme nebenan, der an der Theke: „Ein Kulm!“ sagte. — Er griff nach einer daliegenden Zeitung, stellte sie sich mit dem Griff in den Schoß, blätterte sie auf, ließ sie gegen die Tischplatte sinken und glitt durch sein eigenes aufblühendes Lächeln wie durch ein zitterndes Gewebe von Süße hinunter ins Dunkel seiner Seele, wo in einem Kranze von Abenteuern Renate lieblich stand, eine verzauberte Säule, eine Karyatide, eine Galatee ...

Danach aß er und trank, unbekümmert wieder, versöhnt mit den äußeren Geschicken, künftiger Entzückungen gewiß. Nahe vor ihm sah er die roten Fische im grünen Wasserdickicht des großen Aquariums an den Glaswänden auftauchen und wieder verschwinden. Der sechseckige Riesenkasten stand auf einem, von kleinen roten Sofas umringten Unterbau, die jedes einen ganz kleinen Marmortisch, oval, wie mächtige Eier, und gegenüber zwei Stühle vor sich hatten, und aus einer, im Wasser halb verborgenen Pyramide von Tuffsteinen stieg ein feiner Wasserstrahl. Diese ganze Üppigkeit städtischen Wesens erfüllte Georg mit Beruhigung. Springbrunnen, Wasserwildnis, Fische, Marmor und roter Plüsch — das war so viel für das Gemüt, das arme Wesen, das er recht deutlich auf der untersten Stufe seines riesigen Seelentempels sitzen sah, so klein, daß eine einzige Stufe für es höher war als ein ganzes Haus, und dort hockte es in seiner Dürftigkeit und Unbestimmlichkeit, da nicht im entferntesten zu erkennen war, ob es eigentlich einen Hund vorstellte, einen Zwerg, einen Frosch oder einen Zaunkönig.

Aber war dies nicht jener Montfort? Da kam er hinter dem Aquarium zum Vorschein, seltsam anzusehn in einem kurzen sandfarbigen Mäntelchen mit hochgeschlagenem Kragen, einen steifen schwarzen Hut tief in die Stirn gerückt, die Ellenbogen eng an den Hüften mit etwas gezierter Haltung, einen dicken braunen Stock von knotiger Bambusart unter den Arm geklemmt. Nach einem Platz unendlich hoffärtig umherspähend, übersah er Georg, trat links in die offene Tür und verschwand, während nun hinter dem Aquarium etwas Anderes, weitaus Prächtigeres zum Vorschein kam: den unteren Saum eines scharlachroten Mantels über die linke Schulter geschlagen; auf leichten Füßen, sehr schlank, auch groß, — sehr frei und beweglich im Hierhin- und Dahinschaun den kleinen Kopf mit glattschwarzem, von Stirne und Schläfen straff zurückgespanntem Haar drehend, — groß-, braun-, klugäugig, — ein Mädchen, wie es schien. Aber das schönste war, daß dieser leichte Kopf über dem Scharlachtuch sich von einem groß hinter ihm stehenden, schwarzen und goldbestickten Stuartkragen abhob. Wenn sie zu diesem Montfort gehört, dachte Georg, so hat er das entzückend gemacht.

Montfort kehrte indessen zurück, erkannte Georg, zog den Hut und trat heran, um Erlaubnis bittend, sich niederlassen zu dürfen. Richtig: Georgs Wunsch erfüllte sich, sie gehörte zu ihm, er wurde ihr vorgestellt, konnte ihr beim Mantelablegen behülflich sein, ein schönes Kleid von matterer Farbe unter dem fallenden Scharlach hervorkommen sehn, schließlich die Biegung des Sofas mit ihr teilen. Auch sah er nun, während sie sich lächelnd und mit einer gewissen Bereitwilligkeit zurechtrückte, die kindliche Rundung ihrer Stirn, die übervolle Schwellung der Lippen in der Mitte, deren obere ein wenig emporstand, und vor allem die außerordentliche — ja, die höchst erstaunliche Rundheit ihrer Brauen und Augen, die, in ihrer wundersamen Offenheit dasitzend, dem ganzen Gesicht das eigentümlichste Aussehn verliehen, und sie erinnerten ihn — — schnell, woran erinnerten sie denn? Jawohl, jawohl: an den Hund in Andersens Märchen vom Feuerzeug mit den Augen so groß wie Teetassen.

Montfort, kaum ihnen gegenübersitzend, auf eine unerhört nichtachtende Art umherschauend, die Streichhölzer an sich ziehend, um eine große Zigarre zu entzünden, sagte: