„Sie machte eine Andeutung,“ setzte er hinzu.

Georgs Gedanken fingen einen Veitstanz an. Andeutung, sagten sie, an Deutung, Deutung, Traumdeutung, reich an Deutung ...

Die Straße war zu Ende; sie standen vor dem breiten Damm der Chaussee, gegenüber der elektrischen Zentrale. Glimmende Gleisbündel waren von links und rechts in die matterleuchtete Halle hineingebogen, unter der leere Wagen standen, die einen hell, dunkel die andern, und vorne war ein hellglänzendes Zifferblatt, dessen Stunde Georg um keinen Preis der Welt abgelesen hätte. Die Augen ablösend, sah er rechts weit hinunter die Straße in eine waldige Halle davon ziehn, unten glimmend vom Stahl der Schienenstränge, oben von Laternen. Mitten auf dem Damm stand ein verlassener Anhängerwagen, dunkel und einsam. In ihm hätte Georg auf einem östlichen Gebirge sitzen mögen, still der Feuerrosse, die ihn entführen würden, wartend.

„Gute Nacht,“ sagte der Maler auf einmal, gab ihm die Hand und entfernte sich über den Damm in eine dunkle Waldstraße neben der Zentrale hinein.

Links hinab entrollte die Landstraße fernhin mit Bäumen und Laternen durch offenes Land. Ein paar rötliche Lichter waren fern drüben. Georg sah zu der Laterne auf, die neben ihm stand, nicht untröstlich, vielmehr schien sie eben angelangt zu sein und froh, ihn noch erreicht zu haben. Ihr Glühstrumpf brannte hell genug, obwohl unten ein Ring sich abgelöst hatte, und das Licht schwoll leise ab und an in dem zarten Gazegewirk, wie wenn ein kleiner Gott die Backen aufbliese, ganz atemlos vor Anstrengung des Leuchtens. Auch dieser sechseckige Glaskasten schien eine angenehme Homunkulusphiole; leise glitzernd wehte der Regenschleier um sie hernieder wie ein endloser Gestirnsnebel. Auf einmal stieg das Weinen in Georg auf, da schien ihm das unmännlich, er zerdrückte es schmerzhaft in der Kehle, — bis zum Munde, der fest blieb, gelangte es nicht, nur die Augen wurden feucht, ihre Winkel schmerzten, ein Stein marterte den Kehlkopf, er lächelte, schüttelte den Kopf und ging links hinunter der Stadt zu.

Und so trug er denn sein aufgeregtes Herz die nächtige Landstraße hinunter, ermuntert vom Takt seiner Füße, wandernd plötzlich kriegerischen Mutes, selber allein ein ganzer Heerbann, in Eilmärschen durch die letzte Nacht, um am Morgen mit allen Fahnen und riesigem Schrei in die Länder hinabzusteigen zur Eroberung. Renates Antlitz, weiß im Dunkel, ging ihm auf, wie es die Lider aufschlug gegen ihn, und ihre Blicke setzten sich wieder auf sein bloßes Herz wie Schmetterlinge, daß es ihn durchschauerte. Wogen seines Herzens, in denen er dahinging, schleppte er mit sich, hin und wieder stand eine auf vor ihm und schlug mit voller Kraft auf seine Brust, daß er ringsum erdröhnte, als sei er gepanzert. Goldene Wagen kamen ihm leuchtend entgegengestürmt; hergeschleift von gewaltigen Geistern über eisglatte Schienen, schaukelten sie vorbei, voll von fremden Menschen, die in ihrer Haltung saßen wie Sklaven, angefesselt und ohne Bestimmung. Wenn er den Kopf aufwarf, so erblickte er zwischen feuchtem Gewölk Sterne, die sich zitternd bewegten. Die Lüfte waren angefüllt mit Geräuschen des Frühlings, mit unsichtbaren Antlitzen, die sich lächelnd unterhielten im Vorbeiziehn, mit Musik, die aus dem Erdboden stieg wie aus Kratern voll elysischer Orchester und durch schaudernde Wipfel rollte. Sein gesalbter Blick öffnete das Erdreich, er sah die Wurzelwipfel der Bäume nach unten hangen, goldene Trauerweiden durch wolkiges, pelziges Schwarz, besetzt mit Tausenden roter Rubinaugen, die Licht saugten und grüne Speise aus dem erwärmten Dunkel. An einem Baum übermannte es ihn; freundschaftlich schien der borkige Stamm, er nahm den Hut ab, als trete er in ein Haus, lehnte die Stirn gegen seine Tür, bewegte die Lippen und brachte kein Wort hervor. Da ein feuchter Wind aufrauschte und schnellfüßig vorüberlief, fiel ihm ein, daß Frühling sei, und er ward froh. Da dachte er an Renates Brust, er hatte sie nicht gesehn, aber schon stand er, versunken in ihren marmornen Anblick, in einer roten Lohe, einer Flammenpappel, in der sich sein Wesen verzehrte, während er einen Pulsschlag lang nun unter sich ihr Gesicht sah, ihre Schultern, deren Bewegung ihm Atem und Sinne zerschnürte, ihre Arme und die Brust, alles aus den großen Augen voll rieselnder Zärtlichkeit schmachtend und widerstrebend, so daß er sich gern an die Erde geworfen hätte, um zu stammeln und zu weinen. — Einmal! sagte er sinnlos, Gott, nur einmal! —

Endlich ging er wieder, nun nur noch tönend von Gefühl, gleicherzeit hoffnungslos und erhaben, schwermutvoll und getröstet, gottesfürchtig und niedergeschlagen, so voll tosenden, innerlichen Lärms, als wäre seine Brust ein ehernes Paukenbecken, auf dem Dämonen trommelten, — all dem hingegeben mit Wollust der Bewußtlosigkeit, da Gedanken, sinnlos, wie Irrlichter, seitwärts über die Kartoffeläcker enthüpften, aber in den Straßen der Stadt nahm es langsam ein Ende, bis er sich vor etwas absonderlich Bekanntem fand, dem Kaffeehaus im Mittelpunkt, einer großen Anordnung von gläsernen Kästen mit erleuchteten, gelb verhangenen Spiegelscheiben um einen runden Mittelraum, mit eisernen Pilastern und Pavillondächern.

Hier war es nun aus. Es wimmelte auf dem Bürgersteig vor den Läden von gemächlich Spazierenden, Ladenmädchen in Frühjahrsblusen und Ladenjünglingen in Wintermänteln; es wimmelte auf dem schwarzglänzenden Fahrdamm von Asphalt, Straßenbahnwagen schoben sich unaufhörlich von beiden Seiten zusammen, es klingelte, kreischte, Automobile tuteten, Radglocken schrillten, und Georgs hülfloser Blick, nach rechts oben entgleitend, fand sich von einer gewaltig großen Mondsichel angezogen, die dort in der Nacht schwebte, überflattert von weißlichem und schwarzgrauem Gewölk.

Nun also war alles, was ihm zu tun blieb, daß er sich in eine stille Kaffeehausecke setzte, anstatt in eine große Dreschtenne mit kauenden Leuten, denn essen mußte auch er. Der Hunger äußerte sich in einem Verlangen nach natürlicher Speise, gekochten Eiern im Glase mit Butterschnitten, das wars.

Er zauderte. Er wußte, daß er ein Ende machte, wenn er drüben eintrat, in jene kleinen Zimmer, die er so wohl kannte aus Ballnächten, Ballmorgenden, mit den zerknitterten und zerzausten Bürgermädchen und ihren schrecklich zukunftallegorischen Müttern, unter Gewitzel und Gekicher, mit dem rotblonden, naseweis aussehenden Kellner Gustav und Frithjof dem ältlichen, mit dem runden und blassen, niemals rasierten Gesicht und dem hängenden rechten Augenlid, der so gern vom Weib und den Kindern erzählte. Ach, nicht dieses wars, nicht etwa diese kindischen Erinnerungen warens, sondern — das Ende, ja, das Ende, das kam, der Übergang ins Gewohnte, in ein Andres, und daß sich — oh mein Gott, daß sich niemals herauskommen ließ aus der unendlichen und unzerreißlichen Kette der Vorgänge. Daß es doch ein Mal einen Stillstand gäbe, einen Halt am Abgrund, wo zitternd im Rollen das Herz stillehält unter den Füßen der flüchtigen Stunde, die selber nichts tut als Ausschau halten über die Abgrundswelt und im Ausschaun unvermerkt hinüberschmilzt in die ernste Gestalt der Unendlichkeit. Welcher der Götter hält denn den Becher der Ewigkeit bereit, wenn nicht dieser ihn hat, Eros, dem doch die Posaune des Jüngsten Tags an die Lippen gesetzt ist?