Daraufhin, herzlicher lächelnd, blickte der Andre ihn an und begann, leichtherzig loszureden.

„Ist es Ihnen niemals folgendermaßen ergangen?“ fragte er. „Sie setzen sich um einen Tisch, zu Dreien oder zu Fünfen, und nun? Nun muß was geredet werden. Das Karussell muß in Gang, wer, ist die Frage, holt jetzt den sicheren Haken aus der Tasche? Auf einmal ist er da. Hat Sie’s nie geekelt vor dieser Verläßlichkeit des Sinnlosen? Also, da es völlig sicher war, daß Einer von uns Beiden hier diese Geschichte von den zufälligen Familien ergriffen hätte, worauf zweifelsohne, da Frau Ring beim Theater gewesen ist und eben aus dem Theater kommt — (Frau? dachte Georg. Beim zweiten Mal ists immer gelogen!) —, das Gespräch auf die hiesigen Theaterverhältnisse gekommen und von dort über Schnitzlers gerade gegebenen Anatol auf seine übrigen Werke und so weiter mit vollen Segeln in den Ozean der Literatur hinausgefahren wäre — so habe ich im Gegenteil von Hunden angefangen.“

„Und nun, — wars der Mühe wert?“ fragte Georg belustigt, allein Montfort hörte es gar nicht, legte die Hand zu ihm hin über die Marmorplatte und fuhr lebhafter fort:

„Dabei giebt es die köstlichsten Dinge, von denen zu reden wäre, liebliche, verborgene, kleine, erfreuliche Sachen, die aber jeder für sich behält, als könnte man sie ihm beim Vorzeigen entwenden, denn wir sind ja schamhaftig und haben alle kein Herz voreinander. So kommt es dann, wenn das Herz einmal mit einem rechten Ungewitter zusammenstoßen und gebraucht werden soll, daß ein jeder hülflos dasteht und fragt, wie mans verwendet. Ich habe eine alte Tante,“ sagte er, immer herzlicher lächelnd, „eine ganz entsetzliche Person, die zu nichts auf der Welt je gut war, und wir zanken uns, sobald wir uns zu sehn bekommen, jedoch in den geschliffensten Umgangsformen. Aber eines Abends sind wir uns in den Anlagen begegnet, wir sahen uns schon von fern, und da wir grüßend aneinander vorübergingen, so lachten wir uns Beide freundlich an und sagten: Sieh! und: Kuckeinmal! und es war uns Beiden erfreulich.“ Er endete, legte die offene Hand auf die Stirn und strich kräftig mit ihr über das Gesicht bis zur Oberlippe hinunter, so daß es faltig und gehagert zum Vorschein kam.

Georg in seiner steigenden Heiterkeit hatte derweilen schon von weitem Frithjof daherschaukeln sehn, einen riesigen Kuchenaufsatz mit drei Schalen übereinander auf der linken Hand, während er, Daumen und Zeigefinger der rechten um das Bierglas krallend, es mitsamt seinem Untersatz auf einem kleinen Nickeltablett festklemmte, auf dessen anderm Ende das Glas Milchkaffee sein Zuckerschälchen als Deckel trug, und dazwischen war tiefen Ernstes das würdige Gesicht mit seinem stoppelschwarzen, fest gegen die Brust herabgedrückten Kinn. Sonderbare Tätigkeiten verübten die Menschen doch allen Ernstes ... Aber Georg, der Montforts Freundin darauf aufmerksam machen wollte, bemerkte erschreckt, daß sie zurückgelehnt dasaß, das Gesicht ganz zur Seite von ihm abgewandt und in sich versteift; doch rollte nach einer Weile eine Träne aus dem, Georg sichtbaren Auge über die Wange und fiel auf ihre Brust. Ihre Hand auf der Tischplatte war so fest um die schilfgrünen Blätter und Stiele der Blumen gekrampft, daß die Knöchel weiß hervortraten.

Unwillkürlich fiel Georg, der sich hastig fortwandte, Anna ein und im Augenblick danach Renate; dies war, als erhielte er einen Paukenschlag mitten auf die Brust. Es flimmerte vor seinen Augen. Langsam erschien dann der Kopf des Dostojewski auf dem Buche unter ihm, und er fing an zu sprechen, willenlos:

„Da Sie von zufälligen Familien sprachen —“

„Also doch, Durchlaucht, muß es denn sein?“ fragte Montfort trüb und verdunkelt. Georg brauchte Sekunden, bis er begriff, daß Montfort ja gerade nicht von dem Buche hatte anfangen wollen, lächelte verlegen und sagte:

„Sie sehen eben: auch im Kleinsten läßt die Welt sich nicht regieren. Herr Bogner und ich sprachen in der Bahn mit einer Dame über Familienzufälligkeit. Wir kamen dabei —, Sie kennen vielleicht auch meinen Freund Prager?“

„Prager?“ Josef erinnerte sich mit leiser Erheiterung. „So — ist das eine zufällige Familie? Ja, es giebt ja tausend heute.“