Bogner lächelte mit den Augen; ein herrliches Lächeln, dachte Georg, sich dumpf um das Gehörte bemühend. Was war das für eine Seite, von der dieser Maler eine Errettung vom Tode ansah? Der Mensch war ein Selbstmörder, — das Wort „unzurechnungsfähig“ flog aus einer Zeitungsspalte vor Georg auf. Freilich, freilich, ihm schien — der Maler sah die Angelegenheit eigentlich. Einer wollte sterben und sollte nicht. Ja, wie konnte man ihm nun beweisen, daß dies Streichholz von Leben keineswegs abgebrannt, sondern ... Georg wurde es siedendheiß, und um diesen blödsinnigen Gedankengang loszuwerden, packte er den, mit dem er sich vorher herumgeschlagen hatte, blieb stehn und fragte den Maler grimmig, auf den Matingal seines Pferdes deutend, ob er wisse, was das sei. Der Maler verneinte.

„Dies,“ sagte Georg, „dieser Riemen, der hier unterm Pferdebauch vom Sattelgurt her zwischen den Vorderbeinen hindurch nach oben läuft, sich in diese zwei kleinen Riemen teilt und mit den weißen Ringen hier am Kandarenzügel hängt, nennt man einen Matingal, und nun passen Sie auf. Wenn ich dem Pferde das Kopfzeug abnehmen will, so hängt der Matingal fest, und ich muß, damit das Pferd Freiheit hat, den Sattel losschnallen, und das tat ich, als ich mit Anna, mit Magda Chalybäus — ich nenne sie Anna, wissen Sie, seit unsrer Kindheit, weil ich das besser aussprechen konnte — also, als ich mit ihr oben am Deich saß. Warum tat ichs? Weil es mich nervös machte, das Pferd hinter mir mit dem Gebiß fressen zu hören. Warum machte es mich nervös? Weiß Gott —“ steckenbleibend — denn hier schien ein Haken — starrte er Augenblicke lang ins Gesicht des Malers, der anscheinend nicht wußte, warum er nervös gewesen war. „Nun aber,“ fuhr Georg hitziger fort, „das Pferd trägt sonst keinen Matingal, ich reite es immer nur auf Trense, das heißt mit einem Zügel, dem hier, es bekommt aber ein sogenanntes Vorderzeug, Riemen, am Sattel angeschnallt, die ihn festhalten, damit er nicht rutscht, und bei diesem Pferde rutscht er, weil es einen eingesunkenen Rücken hat und sich außerdem beim Satteln aufbläst wie ein Schwein. Solch ein Vorderzeug hätte ich nicht abnehmen brauchen, verstehen Sie? Warum hatte es kein solches Vorderzeug? Weil eine Schnalle dran durchgerostet war! Warum reite ich aber ein solches Pferd? Weil ich gern galoppiere und querfeldein, und weil hier tausend Gräben und Knicks und Gatter sind, wo ich nicht immer absteigen kann, darum liebe ich dies alte Aas von Hunter, den sie in England als Jagdpferd für Ausdauer und Springen gezüchtet haben, — da sehen Sie die dicken Gelenke und die klobigen Hufe. Nun rechnen Sie mal all das zusammen, und Sie bekommen heraus, was für eine verrückte Anzahl von Nichtswürdigkeiten nötig war, damit ich Anna, die vorangeritten war“ — er stockte, denn da war wieder der Haken! — „— weil ich mit dem Satteln zuviel Zeit verlor, nicht einholen konnte.“

„Ja, und dann die andre Seite erst“, hörte er den Maler sagen, ohne es zu verstehn. Atem schöpfend stützte er sich unauffällig auf den Nacken des Pferdes; ihn schwindelte, und die Knie knickten ihm ein nach all der Anstrengung, dem Schrecken und der Grübelei. Der Maler bewegte leise den Kopf hin und her, indem er die dicken Gelenke des Braunen betrachtete. Langsam erschienen vor Georgs Augen wieder das Rasenoval, vor dem sie angelangt waren, und hinter den Bäumen rechts die Dächer des Wirtschaftshofes und der Südflügel von Helenenruh mit seinem Turm an der Stelle, wo er an den Stirnbau stieß. Das schwarz und goldne Zifferblatt oben zeigte ein Viertel nach zwölf Uhr, — so früh war es noch?

Hof

Das Rasenoval schien kleiner als je und von dem umgebenden Laubwerk enge umgrenzt; die verdunkelte Beleuchtung des wolkigen Himmels rückte alles umher zusammen; auch die Terrasse und das Haus schienen kleiner, bescheiden und geduckt, und jetzt fuhr ein plötzlicher Westwind in die Bäume, daß sie sich erschrocken schüttelten, der weißrote Schirm wankte und blähte sich, der Rasen schillerte grausilbern in breiten, wie von einer Riesenhand gekämmten Streifen; der Wind war heiß und trocken.

„Es wird ein Gewitter geben,“ sagte Georg erwachend, „ja, ich muß nun nach rechts.“

Sie trennten sich. Georg ging durch die Bäume bis ans offene Hoftor zwischen den Ställen und Scheunen, entließ dort Unkas mit einem Klaps auf die Hinterhand und sah ihn mit leicht stelzendem und ratlos scheinendem Gang in den Wirtschaftshof hineingehn. Vor einem Schwarm gelber, links und rechts auseinander stiebender Orpingtonhühner — zwischen denen ein schneeweißer Hahn ungemein erzürnt und aufgebracht war — blieb er stehen, warf den Kopf auf und nieder und sah sich klug und fragend nach Georg um. Dann bog er nach links und ging, den Kopf hängend und schaukelnd, auf seinen Stall zu und hinein, nun ganz sicher dahingelenkt. Ringsherum sahen die Erntearbeiter zu, die auf Bänken an den weiß und blauen Wänden der Fachwerkgebäude saßen und ihr Mittagbrot vertilgten. Das Licht war hier womöglich noch greller und dumpfer, der Mistgeruch wie ein starker und wilder Extrakt vom Sommer.

Was ist mir denn? dachte Georg. Mir ist auf einmal ganz sonderbar! Habe ich das alles schon einmal erlebt, oder träume ichs? Diese Dinge sind auf einmal alle so erschreckend nah und drohend oder wie ... Wie stark der Geruch hier ist, und die Blechgefäße der Arbeiter und die roten Kopftücher, das Geflügel und der Truthahn und das Pferd, ja, vor allem das Pferd, wie ich es gehen sah, das war, als ob ich aufwachte. Wie es den Kopf aufwarf und die Ohren zurücklegte, und welch einen tastenden Gang es hatte, — aber so gehen die Pferde immer, wenn man sie allein läßt und sie den Weg noch nicht wissen und mit einmal auf eigene Verantwortung gehen sollen, — merkwürdig willenlos und unbewußt müssen doch diese Geschöpfe sein, und so gänzlich verschworen auf den Menschen, denn eine Kuh, die geht so lange, bis was im Weg ist, — und doch wieder — als ob sie das, das Andre nur nicht gelernt hätten, und man merkt sofort, alle Sicherheit ist geschwunden, und sie verlassen sich noch immer darauf, daß noch etwas kommt, ja, und dann wars der Geruch vom eignen Mist aus der Stalltür und die dunkle, innerliche Ahnung von Richtigkeit, von Gewohnheit eines hundertmal beschrittenen Weges ... Das bemerke ich, warum auf einmal heut? Freilich das macht die Gewohnheit — ja, du lieber Gott, wie dem Unkas eben, so ists ja auch mir ergangen! Wie er dahinging, einsam, seiner innersten, vermummten Ahnung folgend, da muß er doch einmal er selber gewesen sein, muß eine Art von Gefühl, von Erkennen seines Ich oder — seiner Welt gehabt haben, und so fand ich auch mit einemmal — mich! — Und ist dies so, ja, was ist denn das, was mich plötzlich los und allein gehen ließ? Wer war mein Reiter und — wird er wiederkommen, oder — ist — er — nicht — schon? Wie sich doch alles wieder schließt und ist wie zuvor! Und war das Erlebnis dran schuld mit dem Toten, dem — —, Erlebnis? war das nun ein Erlebnis? Ach, wenn man es selber durchmacht, vollzieht sich jedes so und ist gar nicht anders als alles, kommt eines wie das andre aus der gleichen Minute ... ich — nein, diese Anna ...

Georgs Gedanken wurden hier so flüchtig, daß sie sich ihm aus den letzten, kaum noch haltbaren Begriffen entwanden ins Undenkbare, als ob eine Blume sich in ihren Duft auflöste, und so zog sich auf einen Pulsschlag alles vor ihm in den brennenden Hofgeruch zusammen, er wankte, ging rückwärts, wieder vorwärts, der Geruch verschwand, er bemerkte, daß er vor den Rosenstöcken unter der Terrasse stand. Eilig lief er die Treppe hinauf ins Haus und weiter zu seinem Zimmer, wo er sich gedankenlos umkleidete, um den Kranken aufzusuchen, oder Anna ...

Drittes Kapitel