„Nun laß nur, Kind,“ sagte er, „ich weiß, wie man Scheintote behandeln muß, reite zum Schloß, schick Leute, und zieh dich um oder leg dich ins Bett!“
Sie erhob sich, ließ sich ohne Widerstreben aufs Pferd helfen und ritt davon. Georg kniete sich über den Leblosen und machte die vorgeschriebenen Bewegungen mit seinen Armen so lange, daß darüber Annas Vater zu Pferde, ein paar Feldarbeiter und zuletzt der Maler Bogner anlangten, als welcher sogleich seinen Freund in dem Fremden erkannte. Nach einstündigem Bemühen gelang es, ihn zum Atmen zu bringen; er nieste, schlug die Augen auf, erkannte das Alte und murmelte unwillig und matt: „Nicht mal sterben lassen sie einen!“
Der Maler lächelte, die beiden Arbeiter grinsten, der große Chalybäus machte ein mißbilligendes Gesicht, Georg, über und über zitternd von der Anstrengung, mußte stoßend lachen, alle fünf richteten sich auf und sahen sich erleichtert an. Dabei entdeckte Georg ganz in der Nähe das große, braune, mit den schwarzen Mähnenzotteln wüst aussehende Haupt des vortrefflichen Unkas, der sacht herangekommen war und nun wartete. Den Sattel unterm Bauch und das Kopfzeug schief über Stirn und Ohren, sah er verwegen aus wie ein betrunkener Student.
Während die andern den Kranken auf eine, mit rotkarierten Bettstücken in der Eile beladene Kornkarre legten und damit abschoben, nahm Georg Rock und Weste vom Boden auf. Er bebte und hatte starke Rückenschmerzen, bemerkte, daß er einen Manschettenknopf verloren hatte, und bemühte sich eine Weile schwerfällig, mit der klaffenden Manschette ins Ärmelloch zu gelangen, bis einer der Arbeiter aufmerksam wurde und zusprang. Der große Chalybäus, seinen Trompeterschimmel an der Trense, ging neben der Karre einher und ermahnte zur Vorsicht. Georg brachte Unkas’ Kopf- und Sattelzeug notdürftig in Ordnung und folgte den Andern mit dem Maler, den Gaul hinter sich, der ungeführt nachtappte, wie ers gewohnt war. Die Stunde war glühend und schwül, sonnenlos und farblos; die Fläche des Weihers hatte sich längst beruhigt, lag blaugrün mit den matten Spiegelungen der Inselbäume und rührte sich nicht.
Der Teich, dachte Georg, muß vom Teufel besessen gewesen sein, und der ist, wütend über den Selbstmord, in den schwarzen Artaxerxes und in die Lüfte gefahren. — — Vor ihm fiel jetzt ein brennendes Zündholz ins Wasser, daß die Flamme erlosch und es kleine Kreise gab, und Georg sah, daß der Maler sich für die Arbeit mit einer Pfeife belohnt hatte.
„Sie stinken unprinzlich,“ sagte er, „sind Sie wenigstens trocken?“
Georg bejahte; die Wärme und die Anstrengung hatten ihn schon getrocknet. Er erklärte Bogner nun, während sie am See weitergingen, den Zusammenhang, innerlich an einer verfluchten Kette von eisernen Schlüssen zerrend. „Sie muß instinktiv hineingeritten sein,“ sagte er, „instinktiv!“ als ob das Wort alles verdeutlichte.
„Immerhin“, meinte Bogner, „können Sie sich ja freuen, daß Fräulein Chalybäus diese Sache auf sich genommen hat.“
„Wieso meinen Sie?“ fragte Georg erschrocken, denn er hatte am Gegenteil herumgearbeitet.
„Wenn einer“, sagte der Maler, mit einem neuen Streichholz an seiner Pfeife bemüht, „mit seinem Dasein fertig zu sein glaubt und wirft es weg“ — zur Verdeutlichung scheinbar flog, während dem Pfeifenkopf Qualmwolken, süß duftend, entstiegen, das halbverbrannte Streichholz ins Wasser wie das erste — „und es kommt ein Andrer,“ fuhr der Maler fort, „hebts auf und giebt es ihm wieder, und er sagt: Nicht mal sterben ... wird er dann dem nicht die Verantwortung dafür zuschieben?“