So bin ich nicht vereinsamt, wie es scheint,

Weil deine Seele lieblich vor mir steht.

Fast könnt ich hören, wie ihr Atem geht,

Fast könnt ich fühlen, wie sies gütig meint ...

Georg zuckte jählings zusammen. Herr des Himmels, das war ja — —! Ganz unverfänglich mit „einem lieben Sinn“ fing es an, und da, am Ende, da hieß es: „deine Seele!“ Deine Seele, o Herrgott, daran hatte er ja gar nicht gedacht, ach, was nun? Und er hatte es doch nicht einmal für sie geschrieben, sondern vor einem halben Jahr und eigentlich für niemand, nur so aus Sehnsucht und im Gedanken an Adriane Ziehrer, die zuweilen auf der Straße ... Ja, nun war das Unglück geschehn, was kam nun?

Ganz still faltete sie den Zettel zusammen, bückte sich, schob ihn in den Schuh, stampfte mit dem Fuß auf, und während Georg in einem wilden Seligkeitstaumel zu ihr hinlief, war sie schon auf dem Pferderücken und jagte, ohne erst das Knie übers Horn zu legen, mit der linken Hand sich anklammernd, über die Fenne deichabwärts gegen das Wäldchen zurück.

Weiher

Georg geriet in schaurige Wut. Das konnte ja Nacht werden, ehe er den Unkas gesattelt und gezäumt hatte! Und als er alles mit fliegenden Fingern in Ordnung gebracht hatte, sah er Anna grade am Gatter absteigen und zwar — wie ihm schien, bemerkenswerterweise — an dem südlich gelegenen, vor der äußeren Allee. Sie war jedoch verschwunden, als er aufgesessen war, und schon nach den ersten Sprüngen merkte er, daß dies elende Vieh von Unkas sich natürlich beim Satteln aufgeblasen hatte wie ein Schwein und der Sattel nur so schlotterte. Also zog er die Füße aus den Bügeln und stürmte weiter, aber im selben Augenblick, wo der Wallach mit ungeheurem Satz das Gatter nahm, erstarrte sein Herz: sie schrie aus dem Wäldchen, oder schon dahinter, die Allee war leer, sie schrie gellend, schrie seinen Namen, einmal, zweimal, dann: Hülfe! Hülfe! — Großer Gott, was war das? Im Aufsprung rutschte der Sattel glücklicherweise ganz über den Widerrist, aber im Weiterjagen merkte er, daß er sich nicht halten konnte, er sank rechts herunter, Unkas sprang und bockte, der Matingal wickelte sich ihm um den Hals, Georg lag unten, sprang auf und lief weiter.

Im Ausgang der Allee sah er den Weg hinunter den Weiher vor sich liegen, scheinbar still, auch die Insel mit ihren großen Bäumen, dem Pavillon und kleiner Brücke, aber über das sichtbare Stück grüner Wasserfläche stürmte von rechts her auf die Brücke zu der Artaxerxes, der schwarze Schwan, gekrümmten Halses, rauschender, wütender Flügel, in einer glitzernden Wasserbahn. Georg rannte um die Ecke der Gebüsche, und da war Anna, die ihr kleines Pferd bis an den Hals in den Teich hineingetrieben hatte, aber Gott Lob und Dank, sie saß oben, es handelte sich nicht um sie, denn das Pferd stand artig still, und sie hielt, tief heruntergebückt etwas Schweres und Schwarzes über Wasser, ängstlich umherblickend. Georg lief in die Flut, die voll war von Pflanzen und Sumpfgras, erreichte sie schwierig genug, und zusammen brachten sie einen leblos scheinenden Körper ans Ufer. Magda sprang vom Pferd; soweit sie im Wasser gewesen waren, Magda bis zum Gürtel, Georg bis unter die Arme, waren sie mit Streifen von stinkendem, grünem Tang und den erbsengroßen Blättchen des Entenflotts bedeckt. Am Boden sahen sie das schneebleiche, kleine, ihnen fremde Gesicht eines Menschen in schwarzer, wie die ihre besudelte Kleidung; schlaff und triefend lag er da. Anna bückte sich sofort und riß ihm Weste und Kragen auf; ein Perlmutterknopf sprang ab und rollte ins Gras der flachen Uferböschung.

Georg dachte, daß sie alle drei bis nach Helenenruh stänken, und wollte Anna nach Hause schicken, da rauschte es über ihnen laut und heftig, und als sie zusammenfahrend aufsahen, zog der schwarze Schwan — ja, waren ihm denn die Flügel nicht beschnitten? — prachtvoll und stürmisch über ihren Häuptern, über die Bäume hin und war gleich darauf mit mächtig ausgreifenden Fittichen südwärts verschwunden. — Nach Süden! — dachte Georg, der ihm nachstarrte, und: Australien! das ihm in Gestalt einer dreieckigen Briefmarke mit dem Bilde eines schwarzen Schwanes erschien. Sie blickten sich stumm an; aus Annas großen, schwarz gewordenen Augen sah er Tränen laufen, während ihr Mund geisterhaft lächelte.