„Unten? Ja — unten ist es ähnlich. Manchmal ist Boden da, meist aber — glaub ich — ist in der Kniegegend so — alles wie — verwischt ...“
„Durchlaucht ist ein sonderbarer Mensch,“ sagte Montfort zu Bogner gewandt. „Er kehrt des Nachts immer in seinen Mutterleib zurück.“
Georg fuhr heftig zusammen. War das gewiß? Oh es überzeugte ihn, geradeswegs, durch das Gefühl! Es war sehr wundersam und schaurig. — Mit unsicheren Augen sah er das Mädchen Cornelia etwas von ihm entfernt im Sofa sitzen, tief zurück, und ihr ganzes Gesicht war entstellt von heftigem Nachdenken; sie hielt es gesenkt, die Augen starrten in den Schoß, die Oberlippe, in tiefer Vergeßlichkeit, stand empor wie bei einem Kind, und die runde, kindliche Stirn war in der Mitte gewaltsam zusammengerunzelt. Dann löste aus ihrer Angespanntheit sich langsam der tastende Strahl eines dunklen Blicks, der aber zurückgezogen wurde, bevor er ganz Josef erreichte.
Georg, in undeutbare Empfindungen aufgelöst, hörte nach einer Weile Montfort sagen: „Hören Sie mal zu, ich will Ihnen ein wenig erklären.
„Denken Sie mal an ein schlafendes Tier. Haben Sie je einen Hund schlafen sehn? Gut. Also Sie sitzen im Zimmer, Leute herum am Tisch, im Winkel liegt Ihre dicke Wally und schläft. Auf einmal sagt einer: Pst! seht ihrs? Wally schläft. — Was tut da Wally?“
„Richtig! ausgezeichnet! Sehn Sie: so leicht schläft ein Tier. So leicht schlafen die Tiere, weshalb? Weil sie immer auf der Hut, weil sie immer in Angst sind. Der Hase bekanntlich hat sich vor lauter Furchtsamkeit die Lider abgewöhnt. Was beweist das? Mehreres. Erstens: Alles Lebendige, mit Füßen — zur Flucht — begabte, lebt in einer unablässigen Unruhe. Uralte Angst ist das, Urwaldsangst. Jeder Mensch ist mit ihr durchtränkt, aus Erinnerung an seine sämtlichen Vorväter und Millionen von gejagten Urwaldsleben, die er hinter sich hat. Eine metaphysische Angst, wenn Sie so wollen, die in Ihrem, in jedem Leben Ausdruck findet in den tausend persönlichen Ängsten des Alltags — Krankheit, Liebe, Ehrgeiz, Einkommen, Steuer, Examen, Karriere und so weiter. Könnten Sie Ihre Denkfähigkeit unterdrücken, Sie würden finden, daß Sie aus nichts als Angst gemacht — — Wie, Herr Bogner?“
„Ich sagte es ihm schon in der Bahn,“ sagte der Maler lächelnd. Georg fühlte sich umstrickt.
„Um so besser,“ fuhr Josef fort, jetzt mit unterdrückter Stimme, die allmählich zum Flüstern wurde: „Infolgedessen also haben Sie auch Angstträume, das wissen Sie ja selber, und infolge Ihres menschlichen Daseins überhaupt haben Sie noch etwas andres, nämlich Wünsche. Wünsche, teils positiver Art — zum Beispiel, daß Sie Schillers Werke zu Weihnachten kriegen; teils und meistenteils negativer — nämlich, daß Sie Schillers Werke nicht kriegen. Fast jeder Wunsch stellt sich, vermutlich kraft jener Grundangst, hundertmal häufiger als in positiver in der Form der Befürchtung dar, und der Traum, den Sie infolgedessen träumen, ist ein Beschwichtigungstraum. Ist Ihnen das klar?“
Georg, sonderbar und sonderbarer mitgerissen, bejahte fröstelnd. Montfort fuhr fort: