„Nun etwas andres. Sie legen sich zum Schlafen, strecken sich aus, möchten schlafen, was ist Ihr letzter Wunsch, ehe der Schlaf kommt? Der Wunsch, einzuschlafen. Wozu also dienen die Träume? Den Schläfer am Erwachen zu hindern. Sie hören etwa den Wecker rasseln, aber der Schlaf erzählt, es ist eine kostbare und sonderliche Fontäne, die auf diese Weise plätschert, und Sie ergötzen sich dran und schlafen weiter. Noch etwas. Ich will es durch ein Erfahrungsbeispiel erklären. Zu mir kommt ein Freund und liest mir ein herrliches Preisgedicht auf den Wein vor. Da er keinen guten Titel weiß, bittet er mich, einen zu erfinden, und ich sage, ohne mich groß zu bedenken, er soll es: der große Weingesang nennen. — Wie komme ich darauf? Weil die Finkenfänger verschiedene Arten des Finkenschlags mit Namen unterscheiden, und der schönste heißt: der scharfe Weingesang. Ja, nun fragen Sie sich aber, welche Erinnerungskette in mir nötig war, um diesen Zusammenhang zu Tage zu fördern. Halten Sie sich nicht mit Beantwortung dieser Frage auf, sondern übertragen Sie gleich das Beispiel in Ihr Traumleben — das ja in keiner Weise ein andres ist als das des Tages, ausgenommen seine stumpfe Art Logik — das heißt: in einen Traumaugenblick sind, wie am Tage hundert von den Dingen, die Sie ‚Gedanken‘ nennen, Bilder, nämlich die gesehenen Gedanken zusammengepreßt, vermengt, verdichtet. Zum Beispiel —“
Er schöpfte leicht Atem, zog eine goldene Zigarettendose aus der Weste, legte sie vor Georg hin, nahm eine, Georg willenlos gleichfalls, entzündete beide und sprach leise weiter.
„Zum Beispiel: Ich sage: Busen. Nun natürlich unterdrücken Sie in Damengesellschaft sofort die Vorstellung, die Sie haben — genau so auch im Traum — und denken an einen Berg, an einen Meerbusen, an den Golf von Tarent, da liegt er schon vor Ihnen, blau und mit Segeln, und siehe, da kommt auch schon die bewußte Dame mit dem bestimmten Busen, sonderbarerweise nicht in entsprechender Bekleidung, sondern vielmehr in Gesellschaft von Herren und Damen, nämlich ganz wie an jenem Tage, wo Sie den Golf wirklich sahn, — die sich allesamt am Strande ergehn, bloß Sie selber, Sie haben statt einer Badehose Ihre blauseidene Unterhose an und schämen sich gräßlich, bis Sie entdecken, die andern machen sich gar nichts aus Ihrem Anblick, und die holde Dame ist überdies Ihre Frau Mama. Und nun zum letzten.“
Georg erholte sich, die Cornelia anlächelnd, aus seiner Verwirrtheit. Auch das Mädchen lächelte, so gut sie konnte, aus ihrer Denkangespanntheit heraus. Sie sah nun ganz elend aus. Montfort dagegen blühte durchaus, trank einen schönen Schluck, wischte sich den schwarzen Bart mit einem unbeschreiblich duftenden Tuche und sprach weiter.
„Durchlaucht also sehen im Theater einen Menschen, einen schiffbrüchigen Matrosen, vor einem zusammengerotteten Zuhörerkreis von Schiffern und Frauen seine Abenteuer erzählen. Auf den Gesichtern der Zuhörer spiegelt sich alles, sie machen die lebhaftes— — aber was ist das, Prinz?“ unterbrach er sich erstaunt, „ich erzähle Ihnen hier die spannendsten Dinge, und Sie stochern mit Ihrem Zigarettenstumpf im Aschbecher und sehen mich nicht einmal an.“
Ehe Georg sich von seiner Verblüfftheit über die unverständliche Rede erholt hatte, brach Montfort in ein leichtes Lachen aus und sagte:
„Sehen Sie, teurer Freund, Sie machen es eben nicht wie die Leute auf der Bühne, die mit Gebärdenspiel den Erzähler begleiten, sondern im Gegenteil, Sie verhalten Ihre Erregung, Ihre Teilnahme, Sie tun dieses und jenes, und vor allem: Sie unterdrücken Ihre Mitgefühle, Sie zweifeln und stecken sich am Höhepunkt des Ganzen eine Zigarette an. Verstanden? Dasselbe tun Sie im Traum, indem Sie sich erinnern, daß Sie, von den Angstträumen abgesehn, die verwunderlichsten und gräßlichsten Vorgänge stets mit dem gleichen, ein wenig töricht steigenden Traumstaunen verfolgen, — und dasselbe tut Ihr Traum selber mit Ihnen. Befürchtung und Beschwichtigung, Wunsch und Verzicht, Angst und Freude, sämtliche Leidenschaften mit einem Wort, bilden ein einziges Kreuzfeuer, losgelassen aus dem Kerker Ihrer Tageslogik. Es herrscht ein wirres Durcheinander von alten und jungen, peinlichen und süßen Erinnerungen, alle Empfindungen schießen durcheinander, keine hängt an ihrem Ursprung, und keiner folgt ihre Wirkung, sondern der Ursprung der einen scheint mit einer andern verhakt und ebenso die Wirkung. Scheint! hören Sie wohl: scheint! Denn in Wahrheit, oh Freund, in Wahrheit herrscht der allergenaueste und der allertiefste Zusammenhang, in dem ein Ding sich im andern und durch das andre darstellt, und wenn Sie nur lesen könnten die ungeheure, flammende Schrift, die vor Ihren, in die blöde Tagesdämmerung abgewandten Augen durcheinanderwogt, so könnten Sie das Letzte Ihres Lebens und die Leben Ihrer Väter, allen Ursprung, alles Wachstum, Gott und Götter und alle Dämonen, die könnten Sie bei Namen rufen und sich von ihnen dienen lassen wie Alaëddin, — falls Sie ihren Anblick ertrügen!“ Sein nahe zu Georg herangebogenes Gesicht plötzlich erloschen zurückziehend, schloß er leise und verzichtend: „Einstweilen freilich ist alles, was Ihnen und jedem aus hundert- und tausendfältiger Vermischung, Verdrehung, Verschiebung, Zertrennung, Annäherung, Zerspaltung um Zerspaltung, Verdichtung wiederum entsteht, nur — ein Traum.“
Georg, mit allen Sinnen grenzenlos ausgeliefert, hörte nichts als die flüsternde Stimme nahe unter seinem Gesicht, indem Josef fast den ganzen Körper unter der Tischplatte verschwinden ließ, nur den großen, schwarzen Kopf, wie Mimirs Haupt aus dem Brunnen, gegen Georg emporhebend, — und so fuhr er fort:
„Ein Mädchen will Nonne werden und darf nicht, sie träumt — was träumt sie? Die heilige Jungfrau zeigt ihr ein Bett und darin einen Mann, einen Kranken, wie sie sagt, den sie pflegen soll. Wunderliche Verdichtung, nicht wahr, von Liebesverlangen und klösterlicher Keuschheitsbeschwichtigung. — Nun — zwei Dinge aber sind es, durch die der Traum Ihrer Nächte sich von Ihrem bewußten und unterbewußten Hirn- und Herzensleben am Tage unterscheidet. Er erinnert sich tiefer. Denken Sie an Ihre Kindheit. Sie wissen nichts, und doch — eine kleine Nachfrage offenbart es Ihnen — mit welch ungeheurer Leidenschaft müssen Sie damals gelebt haben, damals, wo alles neu war. Wo alles riesenhaft war, blendend oder beschattend, immer neu, erschreckend erst, dann aus Entsetzen sich in unverhoffte Freude um so himmlischer auflösend, nächtliche Erscheinungen Ihrer Eltern an Ihrem Bett, die kamen, um nach Ihrem Schlaf zu sehn, und die Myriaden großer und kleiner Erlebnisse, durch die Sie die unbekannte Welt durchforschten und eroberten. Wollen Sie ernstlich glauben, das konnte jemals verloren gehn? Ein Dienstmädchen wird irrsinnig und fängt an, Seiten und Seiten Hebräisch und Griechisch aus Bibel und Kirchenfürsten aufzusagen, weil sie früher am Schlüsselloch ihres Dienstherrn, des Pfarrers, gehorcht hat. Bilden Sie sich ein, deren Gedächtnis allein habe eine derartige Saugkraft besessen? Nein, mein Freund, Sie geben mir ja recht, Sie kehren allnächtlich aus aller Daseinsangst in den dunklen, warmen, herrlichen Mutterleib zurück, wo Sie in Sicherheit waren, himmlisch in Sicherheit, vor der Welt, die keine Mutter verletzt, und vor sich selbst, vor Ihren eigenen, wüsten, kranken, tollen, giftigen, verruchten, begierigen, süßen, erhabenen, demütigenden, hoffenden Gedanken und Gefühlen.“
Vergebens versuchte Georg, die Lippen zu öffnen und von der Vision zu reden, die ihm schon lange brennend vor Augen stand, seine eigene Kindheitserinnerung, der Paradiesvogel und alles übrige, was er seinerzeit Benno geschrieben hatte, und über das er noch bedeutendere Aufschlüsse zu erhalten brannte, allein es war unmöglich, in diesen Geröllsturz von Worten einen Keil hineinzuschlagen.