„Sogar? Das ist gar nicht nötig. Wir sind seit dem Ersten hier. Herbert ist zur Staatsanwaltschaft versetzt. Warum schrieben Sie auch gar nicht mehr? Armer, ahnungsloser Engel! Sie werden morgen bei mir Tee trinken. Da kommt Herbert. Herbert, ich habe eben das Glück gehabt, des Prinzen Durchlaucht zu treffen, — ich erzählte dir ja ... Prinz Georg Trassenberg — mein Mann.“

Georg verbeugte sich gegen einen Herrn im Zylinder und Frack unter offenem Mantel, dessen Ähnlichkeit mit dem Maler besonders an den großen Augenhöhlen zu erkennen war, während er einen kleinen, bürstenhaft geschnittenen rötlichen Schnurrbart trug und einen etwas verfinsterten und abwesenden Ausdruck in den Augen hatte, wohl infolge einer kleinen Falte zwischen den Brauenbuckeln. Einen goldenen Kneifer nahm er hastig ab. Georg, dem jetzt der Maler einfiel, sagte:

„Aber ich habe ja eine mächtige Überraschung für Sie, — das heißt, wenn Sie noch nicht ... aber wohl kaum ... Kennen Sie den Herrn dort?“ Er drehte sich zu dem Tisch hinter ihm um, zu Montforts Rücken und der still in sich versunkenen Cornelia drüben im Sofa, dieweil Bogner sich erhob und herantrat und sein Bruder, murmelnd, er sei kurzsichtig, den Kneifer wieder andrückte.

„Herbert! Erkennst du mich?“ fragte Bogner ruhig und sonderbar gütig.

Das Gesicht des Bruders verschönte sich errötend in herzlicher Freude. Er sagte: „Benvenuto!“ mit so viel Ergriffenheit, daß Georg rot wurde, während Cora zu weinen anfing. Ihr Mann legte seinem Bruder die Hände auf die Schultern und schüttelte ihn. „Also doch!“ sagte er. „Nun, ich hatte ja schon von Mama gehört. Und hier im Café, da treffen sich die Menschen wieder. Ja, der arme Papa! Verzeih, Cora, dies ist nun mein großer Bruder. Ja, nun müssen wir noch eine Viertelstunde bleiben. Wir waren in so einer Abfütterung ...“

Georg hörte Cora noch zu Bogner sagen, wie es sie freue, daß er genau aussehe wie sein Bruder, ging, brennenden Auges und rauschender Ohren, durch die Nebenzimmer und durch den engen, gewundenen Treppenschacht zur Toilette hinunter, wo er indessen nicht zur Sammlung kam, denn am Treppenfuß, friedfertig neben der Telephonzelle hockend, begrüßte ihn freudestrahlend Sylvester, der Toilettenmensch, mit seinem ungeheuren, blonden Schnurrbart und seiner kleinen Tabakspfeife. Beim Wasserhahnaufdrehen und Handtuchreichen erzählte er Georg, wie in Primanerzeiten, kleine Stückchen von seinen Kindern, leise sprechend und wie ein Eichhorn immer hin und her, und Georg war wie jedesmal leise verwundert, daß auch diese unterirdischen Menschen Weib und Kinder hätten, sich erinnernd, wie er das erste Mal peinlich hatte denken müssen, ob wohl so ein Kind, in der Schule nach dem Beruf seines Vaters befragt, antworten müsse: Mein Vater ist Toilettenmensch. — Beschämt wie damals bei diesem Gedanken, suchte er vergebens nach einem netteren Terminus dieses Standes, und kam so, an Gefühlen wenig entwirrt, wieder nach oben.

Da aber konnte er plötzlich nicht vorüber an der Glastür des hintern Ausgangs, und nach einem zaudernden Umblicken im Raum, der vom beizenden Tabaksqualm der um alle Tische sitzenden Kartenspieler erfüllt war, trat er ins Freie unter das Überdach und stand im Garten.

Feucht und sehr kühl atmete die Nachtluft. Durch das nackte Gewipfel hoher Bäume fiel von rechts her der Lichtschein der Bogenlampen; in den Nischen von Buschwerk schimmerte weißlich Gestein, und hier und dort erglänzte die Platte eines der vielen Tische. Georg ging blindlings vor bis an das trockene Wasserbecken, sah das blecherne Mundstück der Fontäne sprachlos aus dem Hügel von Tuffstein hervorgestreckt und hielt sich dran, geistig, zu seiner Sammlung. Von Coras seltsam dürftiger Erscheinung schweifte er ab, eilfertig und im Bogen wie ein Jagdhund bösen Gewissens. Eine Beängstigung fiel auf sein Herz; er sah Renate im Garten stehn, sah das weiße Dreieck ihres Tuches, und langsam, aus der Beklommenheit, dehnte sich angstvolle Freude. Schön muß es werden, dachte er, schön wird es werden! inbrünstig hoffend, und die Vorstellungen: Montfort als Freund, Bogner als Führer, Renate als — als Geliebte! zogen, undeutlich in den Umrissen, aber verheißungsvoll, segenspendend und mit immer stärkerer Magie durch seinen Geist, so daß er schwoll, erzitterte zugleich und sich üppiger reckte. — Schon sah er einen Atelierraum, Bogners, Nacht und Lichter, die Rauchschwaden, Josef Montforts gewaltige Silhouette, und er vernahm die ruhige Stimme des unsichtbaren Malers ... Cora, wie war sie verblaßt im Augenblick!

Und nun erschien ihm sein Weg, und er ging ihn, umringt von königlich geleitenden Gestalten — Montfort, Bogner, Renate —, und vor seinen taumelnden Augen stellten die nächtlichen Umrisse des schwarzen Theaterbaus drüben sich dar als das Ziel, als das Schloß, Behausung seiner Würde, seines — ah nun, ja nun begann erst das Leben! Arbeit und Feste, Arbeit und Feste ...

Erquickt von der Kühle und dem Dunkel, gesammelt, entschlossen, aufgerichtet, kehrte er zu den Andern zurück.