Viertes Kapitel

Nachtstraßen

Am Tische sprach der Staatsanwalt, einen Ellbogen auf der Schulter seines Bruders, eindringlich in ihn hinein. Cora schien Josef Montfort völlig mit Beschlag belegt zu haben. Dessen Freundin saß einsam auf dem Sofa, aufrecht, und machte muntre Augen, um ihre Teilnahme zu bezeigen.

„Georg, ich bin ganz hin!“ erklärte Cora, als er sich niederließ. Zum Umfallen müde wäre sie, sagte sie. Georg sah Josef mit seiner Freundin einen Blick des Einverständnisses tauschen, die Brüder lösten sich voneinander, und alle brachen auf. Cora, die schon fertig angezogen war, ging allein voraus, aber Georg half erst der Cornelia in den Mantel und beeilte sich weiter nicht mit seinem eigenen Mantel und Handschuhn; auch als sie später draußen zusammen standen, hielt er sich abseits. Die Nachtluft war kalt und feucht; Platz und Straßen waren noch immer oder schon wieder schwarz vor Nässe. Georg sah nach den Sternen, aber der Himmel war unsichtbar über den leise schwankenden Bogenlampen. Nach der Bahnfahrt, der Wandrung mit Bogner, nach Josef Montforts ungeheurer Beredsamkeit fühlte er sich nun schwer müde und gähnte heftig.

Mit einem leisen Widerwillen sah Georg jetzt Cora neben Josef Montfort, fegend mit ihren Röcken, über den Platz gehn. Josef, im kurzen, hellen Mäntelchen, hatte den steifen Hut so nach vorn gerückt, daß der Hinterkopf hervortrat; dazu stieß er hinter sich den Stock mit hoch gegen die Hüfte gezogenem Ellenbogen auf, — eine absichtliche, schofle Lebemannshaltung, wie es schien. — Das große, hell erleuchtete Zifferblatt der Normaluhr zeigte halb ein Uhr. Abseits von den Brüdern stand die Cornelia Ring, in ihren Scharlachmantel geschlagen, den großen Kragen schön hinterm Kopf, Josef nachblickend. Bei ihrem Anblick erschien Georg Renate; es stach in seiner Brust; dann merkte er, daß der Satz: Auch der Toilettenmensch hat Weib und Kinder ... ihm unablässig wie ein Vers von Morgenstern durch den Kopf zog.

Montfort kam plötzlich eilfertig zurück, rief: „Die gnädige Frau will zu Fuß gehn! Frau Ring, wir bringen Sie alle nach Hause!“ drehte wieder um und gesellte sich zu Cora.

Die Brüder folgten, leise sprechend, und Georg schloß sich mit Cornelia hinter ihnen zusammen. Sie gingen eine Weile schweigsam; Georg mußte heftig und heftiger gähnen, während das Mädchen leichten Ganges neben ihm schritt, den Kopf grade und frei auf dem festen Halse. Er lugte von der Seite schläfrig nach ihrem Profil, sah die runde Stirn, das straff zurückgestrichene Haar, die vorgewölbte Oberlippe, den dunklen Blick des Auges und erinnerte sich, auf der Suche nach einem Gesprächsstoff, daß sie die wenigen Worte, die er sie sprechen gehört, mit undeutschem Akzent — zumal den R-Laut — betont hatte. Zum Sprechen ansetzend, mußte er wieder gähnen, sie sahs und lächelte, und er sagte, mitlächelnd, hastig:

„Entschuldigen Sie nur, — ich habe die Bahnfahrt noch in den Gliedern, und dann — dieser Montfort betäubt einen ja wie — ich weiß nicht was, — aber bitte, — wenn ich fragen darf ... Sie sind keine Deutsche oder —?“

Sie schüttelte den Kopf und lächelte wieder.

„Nur so halb und halb,“ meinte sie.