„Nein horch!“ — Und noch einmal, noch lauter kam der große Schrei über ihnen dahergefegt, warf sich gegen das Dach, quoll durch die Fugen und schwoll herein, brünstig, gellender als Hirschbrüllen und wiederum melodischer, posaunenähnlich, ja, wie die Heerhörner beim Jom Kippur. Dahinter glomm schwach der erste Blitz; spät kam der Donner. Magda klopfte leise an eine Tür, sie hörten drinnen das Herein von der Stimme des Malers, und Georg atmete auf.
Der Maler, der den Sitz in Fensterbänken zu lieben schien, saß in der linken der beiden Fensternischen, erhob sich, eine Zigarette hinauswerfend, und schloß das Fenster; drinnen blieb ein angenehmer feiner Duftrest von Tabak. Die Tür zum Nebenzimmer rechts stand halb offen, so daß Georg das weiße Fußende eines Bettes in tiefer Dämmerung erkannte, sowie die rechte Hälfte eines zartfarbigen, englischen Kupferstichs auf der rötlich gemusterten Tapete.
„Haben Sie das Geschrei gehört?“ fragte Georg den Maler.
„Ja, herrlich“, sagte der. „Ich sah ihn fliegen, er schlug ein paar große Kreise, dann stand er einen Augenblick dort vor der Wetterwand, pechschwarz in seinen Fittichen, mit hochgerecktem Hals. Der schlängelnde Blitzfaden lief von oben nach unten durch ihn hin; dann war er verschwunden.“
Magda war an das Fenster rechts getreten hinter die Seitenlehne des breiten, schwarzen Roßhaarsofas und faltete die Hände über dem Riegel. Georg sah an ihr vorüber die Wetterwand, die sich im Nordosten aufgestellt hatte, darunter die Bäume, wie mit Grünspan überzogen, und grellrot zwei Dächer vom Dorf. Auf Lüdersens Deich nordwärts stand die Windmühle als schwarzes Andreaskreuz; plötzlich hörte er im Zimmer das Meer.
Er sagte:
„Könnte man doch einmal eine Ahnung von dem Gefühl dieses Vogels haben! Wie der Schrecken in ihn fuhr, wie er aufschoß —, dies: auf einmal fliegen! Auf einmal fliegen zu können! Da ist er jahrelang zwischen seinen Rasenufern und Binsen herumgerudert, nur manchmal im Halbflug über die Fläche streifend, ahnend, was fliegen ist, und nun auf einmal losgerissen von der alten Kette, kein Schwimmvogel mehr, vielleicht zuerst entsetzt über die gewaltige Änderung seiner Bahn, seines Elements, seiner Welt — wie es unter ihm versinkt, wie die Baumwipfel gegen ihn anstürmen, wie er sie überstürmt, besinnungslos, nur hoch — hoch! — Und dann, mit einmal, der Flug ... das Fliegen können, das von oben Schaun, heraus aus aller Gewohnheit, neugeboren, wie göttlich!“ Georg schloß, innerlich erschreckt von dem Worte Gewohnheit, in seltsamer Erinnerung an das, was er vorhin auf dem Wirtschaftshof gedacht hatte. Magda, die sich halb nach ihm umgewandt hatte, sagte nach einer Pause:
„Und der da drinnen liegt, — ist er nun auch neugeboren? Gott!“ flüsterte sie vor sich hin, „ich habe es getan, wie kam ich nur dazu?“
Georg sah sie betroffen an. Was dachte sie denn?
„Ich möchte ihn nun sehn“, sagte sie leise, glitt mit einer plötzlichen, geschmeidigen Bewegung um den Sofatisch und ging auf den Zehenspitzen ins Nebenzimmer. Georg folgte ihr.