Den Erhabnen gleich.

Spät, mit trauriger Gebärde,

Blickt ins Fenster, durch die Zweige,

Mond, dem ich mein Antlitz zeige,

Und dann bin ich bleich.

Georg merkte, daß während des Schreibens die Sonne entwichen war, und ihn fröstelte. Als er das Blatt in die Brieftasche zurücklegen wollte, fiel ein kleiner Zettel heraus, auf dem stand von fremder Hand geschrieben: G. T. 17. Was mochte das bedeuten?

Heftiger fröstelnd — und wie öde war auf einmal der Wald! — überlas er noch einmal das Geschriebene, strich in der zweiten Strophe das ‚Wundersam‘, um dafür ‚Freudenreich‘, und in der letzten ‚Erhabnen‘, um dafür ‚Geliebten‘ zu setzen, legte das Blatt fort, stand auf und ging in der Richtung der Stadt davon. Nach einigem Kopfzerbrechen fiel ihm ein, daß er Cora Bogner seinen Besuch versprochen hatte, sodann, daß 17 die Hausnummer der Cornelia Ring war, und ihm wurde heiß im Gedanken, daß er mit Josef Montfort nichts besprochen hatte, aber vor allem kam es ja auf seinen Vater an, und Montfort würde wohl nicht über Nacht davongegangen sein. Die Fabrik stand schlecht, wer hatte ihm das nur erzählt? Josef selbst? Richtig, Cornelia Ring war es gewesen. Da durchglühte ihn wieder Renates Leiblichkeit, unendliche Sehnsucht befiel ihn, er umschlang sie mit den Armen, er fand ihren Mund, — aber siehe, was war das für eine Süße, die ihm jählings durch Mark und Bein loderte? Das mußte er geträumt haben, nur in Träumen steigen Gefühle in solches Übermaß, o mit welch ungeheuerlicher Schmerzenswollust hatte er einmal im Traum geweint! Und nun fiel ihm Lenusch, fiel ihm alles ein, die Bar, das endlose Gespräch zwischen Montfort und dem Saint-Georges, der Lärm, das Mädchen, ihr Stirnband, ihr Bein, ihr Strumpf, in den er das Geld —, und zuletzt — nein, bloß das nicht! aber er sah es wieder deutlich vor sich, ihn schauderte maßlos, er wehrte sich mit allen Kräften, stellte sich hundert andre Dinge vor, und es gelang ihm endlich, sie wieder vor sich zu sehn, wie sie die gekrallten Hände gegen die Schultern erhob. Sie hätte die größte Tischplatte über seinen Kopf heruntergeschmettert, so sah sie aus. Warum haßte sie ihn nur so? Vielleicht hatte Montfort ihm bloß Lügen erzählt, obgleich er ein Mensch schien, der keine Lügen nötig hatte, der Unwahrscheinlicheres erlebt, keine selbstgeschnitzten Stützen brauchte. Ach, es war doch schrecklich! Da war der Augenblick gekommen, wo sie ihr ganzes, verfahrenes Dasein in eine einzige Flamme von Haß zusammenriß, um es — ja um es wie eine schwere Tischplatte ihrem Feinde über das Haupt zu schlagen, und da mußte sie so zusammenbrechen.

Georg fiel ein, daß er sie um ein Uhr mittags treffen sollte. — Ich werde natürlich hingehn, ich bin ja nicht fähig, ein weibliches Wesen umsonst warten zu lassen, und außerdem werde ich versuchen, sie auf reinlichere Wege zu bringen. Versuchen kann man das immer, obwohl es wahrscheinlich ist, daß, wie bei all diesen Mädchen, das Grundübel in Arbeitsscheu besteht. Man muß es versuchen. —

Mittlerweile war er am Pferdeturm angelangt, wartete eine Weile auf eine elektrische Bahn, fuhr in die Stadt und ging in die Eichstraße zu Cora.

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