Georg mußte im Salon warten, und der Salon gefiel ihm nun ganz und gar nicht. An diesem Ort, dachte er, kann man sehr traurig werden. Er hatte grünliche Damastsofas und Sessel mit Troddeln daran, und ein Sofa hatte einen Mahagoniumbau mit Spiegeln und gemalten Parforcejagdszenen, im Erker aber stand eine Bronzebüste der milesischen Venus und blickte ihn trübe an. Er sah auch, daß der venezianische Kronleuchter, von dem sie geschrieben hatte, von der Decke hing und hier und da mit Draht geflickt war, und rechts vom Erker stand Coras Schreibtisch auf äußerst dünnen Beinen, bedeckt mit Photographierahmen und Schreibwerkzeugen aus Messing und grün geädertem Marmor, so daß kaum ein viertel Quadratmeter Raum zum Schreiben war, im ganzen ein ungemein fataler Aufenthalt. Georg, lustlos und immer fröstelnd, blickte aus dem Erker auf die langweilige Straße hinunter, wo sich jetzt schwärzliche Regenflecken zeigten. Endlich erschien Cora, in einem hellgelben Morgenrock, mit flüchtig zusammengegriffenem Haar, trug ihre herbstlichste Miene und die Entsagungsgeste zur Schau, worüber Georg sich ärgerte, weil er hinter dem abwehrend vorgestreckten Schild nur zu deutlich die Verlockung zu wittern hatte, also daß er in ein plätscherndes Geschwätz über die bezaubernde Fähigkeit schöner Frauen ausbrach, die es verstünden, ohne Hut als ein völlig andres Wesen zu erscheinen, als mit Hut, — ha überhaupt Hüte! Da gewöhnte er sich wieder langsam an ihren Anblick, ihre Eigenart, und es gefiel ihm wieder sehr, wie sie mit der Oberlippe über die beiden, ein wenig zu groß geratenen oberen Mittelzähne hinablangte, was ihn immer an die Gebärde eines Mädchens erinnerte, das einen eingelaufenen Ärmel straff zupft, und in Coras Züge kam mit dieser Verlängerung der Nase durch die Oberlippe ein völlig verquerer Ausdruck von Hoheit. Alsdann sagte er auf, was er am vergangenen Tage in der Bahn Bogner über ihr römisches Aussehn vorgetragen hatte, was sie andächtig anhörte, die schlecht zueinander passenden Ringe an ihren, ein wenig grauen, lang geschwungenen Händen hin und her schiebend; die Fingernägel waren nicht durchaus rein, — und überdem meldete das Dienstmädchen den Maler, der hinter ihm eintrat.

„Wie herrlich, Benvenuto, daß du kommst!“ entzückte sich Cora. „Grad eben sprachen wir von dir, das heißt, du kamst drin vor, weil der Prinz etwas über mich sagte, das er gestern dir ... es war, ja, es war ein Gedicht!“ schloß sie begeistert.

Das Mädchen trug einen Teller mit Gebäck, Gläschen und spanischem Wein herein, und Cora sprach nun unaufhörlich, indem sie zum Zulangen nötigte, Wein einschenkte und die Gläser hinreichte.

„Gott, unsereins,“ sagte sie, „unsereins fühlt das natürlich auch, aber wir können es nicht ausdrücken, wir brauchen es auch nicht auszudrücken, und das, seht ihr wohl, giebt uns Frauen eben die Macht, das — Unbewußte, wie soll ich sagen ... Nun, wir fühlen, was wir sind, und brauchens uns doch nicht zu gestehn. Beim Namen nennen ist immer verurteilen, und wir sind immer unschuldig. Gott, eigentlich sollte ich euch ja Zigaretten anbieten, — du rauchst doch, Ben — weißt du, eigentlich ist dein Name zu lang, ich werde einen für dich erfinden, — aber Herbert raucht ja leider nicht. Aber wenn ihr eure eignen ...“

Und da Bogner seine Dose hervorzog:

„O was hast du da? Welch himmliche Dose! Was ist das für Holz? Birkenholz? Wie gut der Tabak riecht! Oh du drehst sie selbst, das muß ich sehn! Ist es schwer? Aber Sie nehmen ja gar nicht, Georg! Die Makronen hab ich selber gebacken, dafür drehst du mir eine Zigarette! Ich finde es reizend, selbst! Nein, wie geschickt du bist! Zeig bloß mal! Ich könnte das nie! Was für gelbe Finger du hast! Ist das vom Rauchen? Aber weißt du denn auch, daß das furchtbar — furchtbar schädlich ist? Und nun wollen wir Brüderschaft trinken.“

Während der Stille dieser Feierlichkeit sah Georg sämtliche Ausrufungszeichen Coras leibhaftig durchs Zimmer und zum Erker hinaus wimmeln. Dem Maler die Wange zum Kusse reichend, blickte sie Georg zum ersten Mal seit Minuten wieder voll an, so daß es ihm vorkam, als werfe sie ihm eine Handvoll Erinnerungen zu.

Nun sollte ihr Schwager von Paris erzählen, doch kam er nicht dazu, da sie selber vom Montmartre und der Roten Mühle, vom Louvre und den fliegenden Bücherverkäufern auf den Quais zu schwärmen begann. Plötzlich sagte sie:

„Prinz! Sie machen doch Gedichte. Sie müssen ein Gedicht daraus machen! Aus dem vorhin! Werden Sie?“

„Augenblicklich,“ erwiderte Georg, „wenn Sie mir erlauben, fünf Minuten ihren Schreibtisch zu benutzen.“